Der Sozialismus als politisches Programm für unsere Gegenwart

Wer sich heute mit politischen Programmen auseinandersetzt, wird bald den Kommentar zu hören bekommen, dass die meisten von ihnen bloß kleinschrittige Reformen an den jetzigen Verhältnissen vorschlagen. Was wir bräuchten seien aber klar unterscheidbare Programme, die Alternativen formulieren, wohin unsere Gesellschaft sich entwickeln sollte. Als ein solches Alternativprogramm zu den bestehenden Verhältnissen ist einmal der Sozialismus angetreten, der häufig und nicht zu Unrecht mit Karl Marx in Verbindung gebracht wird. Der Begriff Sozialismus ist älter als Marx selbst und Marx hat ihn von den sogenannten FrühsozialistInnen wie Charles Fourier, Moses Hess oder den Saint-SimonistInnen aufgegriffen. In seiner Schrift Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft1Vgl. Engels: MEW 19, S. 189 ff. beschreibt der jahrelange Freund von Marx, Friedrich Engels, wie Marx (mit ihm) diesen frühen Sozialismus, der noch vor allem ein utopischer Wunsch nach einer gerechten Gesellschaft war, aufgegriffen und in ein politisches Programm weiterentwickelt hat, das für sich in Anspruch nehmen kann, nicht utopisch zu sein, sondern von der Wirklichkeit auszugehen. Der Zweck dieses Programmes ist es, die kapitalistischen Verhältnisse, in denen wir leben, zu überwinden und gesellschaftliche Verhältnisse zu erarbeiten, die wir gemeinsam und demokratisch gestalten. Ich will im Folgenden darlegen, warum ich glaube, dass dieses Programm des Sozialismus bis heute aktuell ist und sich sogar die daraus ergebenden Aufgaben für uns mit neuer und besonderer Dringlichkeit stellen.

Die Marxsche Geschichtsauffassung

Bevor ich aber auf den Sozialismus heute eingehe, lohnt sich ein Blick auf die Marxsche Geschichtsauffassung. Marx entwickelt seine Auffassung der menschlichen Geschichte das erste Mal systematisch und sehr anschaulich gemeinsam mit Engels in der (zu ihren Lebzeiten unveröffentlicht gebliebenen) Schrift Die Deutsche Ideologie. Marx und Engels beginnen dort mit dem Unterschied von Mensch und Tier. Es lassen sich zwar die unterschiedlichsten Kriterien finden, an denen man einen Unterschied zwischen Mensch und Tier festmachen könnte, wie z.B. Denken, Sprache oder Religion. Bei den meisten dieser Unterscheidungsmerkmale ließe sich aber durchaus in Frage stellen, wie eindeutig sie zur Abgrenzung dienen – die wissenschaftliche Debatte um die Unterscheidung von menschlicher Sprache und tierischer Kommunikation ist kontrovers und ob Tiere denken oder Religion haben, lässt sich schwer zweifelsfrei nachweisen. Im Ergebnis aber, so Marx und Engels, kommt es darauf auch gar nicht an. Entscheidend ist, dass die Menschen irgendwann beginnen, sich tätlich von den Tieren zu unterscheiden, indem sie anfangen ihr Leben zu produzieren2«Man kann die Menschen durch das Bewußtsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren, ein Schritt, der durch ihre körperliche Organisation bedingt ist. Indem die Menschen ihre Lebensmittel produzieren, produzieren sie indirekt ihr materielles Leben selbst.» (Marx, Engels: MEW 3, S. 21) . Die Menschen unterscheiden sich selbst von den Tieren, indem sie ihre Lebensgrundlagen und -verhältnisse selbst hervorbringen und sich dadurch nach und nach aus der Abhängigkeit von den natürlichen Lebensumständen herausarbeiten und befreien. Diese Tätigkeit der Menschen, dass sie nicht mehr bloß auf ihre natürliche Umwelt reagieren, sondern sich eine eigene Lebensumwelt hervorbringen, nennen Marx und Engels die Produktion. Sie umfasst die gesamte Hervorbringung unseres gesellschaftlichen Lebens und wir sind in der Lage, die Fähigkeiten, die uns das ermöglichen, weiterzuentwickeln und zu verbessern. Diese Fähigkeiten nennen Marx und Engels die menschliche Produktivkraft und ihre Weiterentwicklung und Verbesserung die Produktivkraftentwicklung.

Die Entwicklung unserer produktiven Fähigkeiten unterteilt sich nun wiederum in zwei Seiten. Zum einen bringen wir Gegenstände hervor, die uns als Mittel dienen, unsere Arbeit zu erleichtern, und dadurch die Hervorbringung unseres gesellschaftlichen Lebens weniger mühselig machen. Das sind die Produktionsmittel. Zum anderen entwickeln wir unsere Fähigkeit die Arbeit, die gesamtgesellschaftlich nötig ist, um unser gemeinsames Leben zu gestalten, bestmöglich zu verteilen und zu organisieren. Das ist die Weiterentwicklung unserer Arbeitsteilung. Bei beiden Seiten der Weiterentwicklung unserer produktiven Fähigkeiten geht es letzten Endes darum, die Arbeit, die wir benötigen, um unser gesellschaftliches Leben hervorzubringen3«Die wirkliche Ökonomie – Ersparung – besteht in Ersparung von Arbeitszeit […]. Diese Ersparung ist aber identisch mit Entwicklung der Produktivkraft.» (Marx, MEW 42, S. 599) , möglichst produktiv zu machen, uns also mit möglichst wenig Zeit möglichst viel gesellschaftliches Vermögen hervorzubringen. Das gesellschaftliche Vermögen meint dabei nicht unbedingt nur materielle Güter und Gegenstände, sondern alles, wodurch wir besser dazu in der Lage sind, uns aus der Abhängigkeit von den natürlichen Lebensumständen herauszuarbeiten und unser gesellschaftliches Leben frei zu gestalten4 Anders ist das im Kapitalismus; dort erscheint der Zugewinn von gesellschaftlichem Vermögen in erster Linie als ein Mehr von Waren, wie Marx zu Beginn des Kapital feststellt: «Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ‚ungeheure Warensammlung´». (Marx: MEW 23, S. 49) . Angesichts zunehmender Dürre, verheerender Stürme und Überschwemmungen ist es also kein Rückschritt in der Produktion, wenn wir unsere Energieerzeugung auf Erneuerbare umstellen oder weniger Autos mit Verbrennungsmotoren herstellen; dadurch wirken wir vielmehr auf die Entwicklung des globalen Klimas ein und machen uns so den Auswirkungen der Wetterextreme gegenüber weniger verletzlich.

Marx und unsere Gegenwart

In unserer Gegenwart haben wir nun eine produktive Fähigkeit hervorgebracht, die einen wesentlichen Fortschritt in der Entwicklung unserer Arbeitsteilung bedeutet. In aller bisherigen Geschichte war unsere gesamtgesellschaftliche Arbeitsteilung dadurch bestimmt, dass Einzelne die Funktion übernommen haben, sich damit auseinanderzusetzen, was, wie und wo produziert werden soll – und wer welche Arbeiten übernehmen soll. Diejenigen, die die Organisation der Arbeit übernommen haben, setzten sie mit direkter oder indirekter Gewalt gegen diejenigen durch, denen die Funktion der unmittelbaren Arbeit zukam – unsere Geschichte ist deswegen geprägt durch Gewalt, Unterdrückung und den Kampf darum, wer die Rolle der Organisation der Arbeit und wer die unmittelbare Arbeit übernimmt. 5«Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.» (Marx, Engels: MEW 4, S. 462)

In den letzten Jahrzehnten haben wir allerdings die Fähigkeit entwickelt, uns in unserer Arbeit selbstständig mit dem gesellschaftlichen Sinn unserer Arbeit auseinanderzusetzen6Vgl. Stephan Siemens, Martina Frenzel: Das Unternehmerische Wir, VSA 2014.. Dadurch sind wir nicht nur in der Lage, unsere Arbeit selbstständig zu organisieren, sondern können uns auch selbstständig damit auseinandersetzen, welche Arbeiten gesellschaftlich sinnvoll sind und welche nicht – weil es beispielsweise zeitsparendere, weniger mühsame oder ökologisch sinnvollere Möglichkeiten gäbe, dasselbe Ziel zu erreichen. Diese Fähigkeit steht offensichtlich in einem Widerspruch zu den derzeitigen kapitalistischen Verhältnissen. Im Kapitalismus stehen die Produktion und ihre Weiterentwicklung unter der Voraussetzung, dass sie Profit hervorbringen. Offensichtlich ist aber nicht alles, was produktiver ist, was uns also ermöglicht, unser Leben besser zu gestalten, auch profitabel. Wollen wir unsere neue Fähigkeit, uns in unserer Arbeit gemeinsam mit dem gesellschaftlichen Sinn unserer Arbeit auseinanderzusetzen, weiterentwickeln, müssen wir also über die Beschränkung unserer Produktion auf ihre Profitabilität hinaus. Damit stehen wir unmittelbar vor der Frage, warum der Sozialismus auch heute noch ein aktuelles politisches Programm ist.

Sozialismus meint in erster Linie nicht mehr, als dass wir die bewusste Organisation unserer gemeinsamen Produktion auch gemeinsam demokratisch übernehmen. So genommen, war der Sozialismus schon immer eine Notwendigkeit. Wenn wir – wie ich das hier mit Marx tue – davon ausgehen, dass die Grundlage unseres gesellschaftlichen Lebens darin besteht, dass wir unsere Lebensumwelt gemeinsam hervorbringen und bearbeiten, dann ist es offensichtlich besser, wenn wir das auch tatsächlich gemeinsam unternehmen und nicht Einzelne die Organisation unserer Arbeitsteilung übernehmen und sie gegen die Mehrheit der Menschen durchsetzen. Gegenüber einer Gesellschaft, deren Produktion auf Sklaverei beruht, ist der Sozialismus natürlich eine Verbesserung, ebenso gegenüber einer Gesellschaft von FeudalherrInnen und Leibeigenen. Diese Notwendigkeit des Sozialismus ist aber eine abstrakte. Der Sozialismus ist insofern besser als alle bisherigen Weisen unsere gesellschaftlichen Verhältnisse zu organisieren, als er die Wahrheit der Voraussetzung unserer Produktion überhaupt ist: erst im Sozialismus nämlich beginnen wir wirklich, unsere gesellschaftlichen Verhältnisse gemeinsam zu gestalten. Diese abstrakte Notwendigkeit einer gemeinsamen Organisation unserer Gesellschaft findet ihren Niederschlag in Utopien, die zu beschreiben versuchen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, in der die Menschen ihr Leben wirklich gemeinsam gestalten; man denke nur an Platons Politeia, Thomas Morus‘ Utopia oder Charles Fouriers Phalanstères. Alle diese Utopien stehen unvermittelt neben der gesellschaftlichen, geschichtlichen Entwicklung und zeigen bloß abstrakt auf, wie man eine Gesellschaft vernünftig einrichten könnte, haben aber keinen Bezug zu der Entwicklung unserer tatsächlichen Fähigkeiten. Weder nach der Gesellschaft der SklavInnenhalterInnen noch nach dem Feudalismus entstand eine Gesellschaft, in der die Menschen ihre gesellschaftlichen Verhältnisse wirklich gemeinsam bearbeitet haben. Stattdessen haben sich Formen der Organisation der gesellschaftlichen Verhältnisse durchgesetzt, in denen zwar die Hervorbringung unseres Lebens produktiver gestaltet war, die aber immer auf der Organisation der Produktion durch Einzelne und Unterordnung Vieler beruhten und die jeweils wieder von noch produktiveren Organisationsformen unserer Gesellschaft abgelöst wurden.

Die Entwicklung unserer produktiven Fähigkeiten, die wir heute erleben, ist nun insofern eine besondere, als wir heute lernen, uns in unserer Arbeit mit dem gesellschaftlichen Sinn unserer Arbeit auseinanderzusetzen und sie so selbstständig zu organisieren. Wir brauchen also nicht mehr Einzelne, die sich damit auseinandersetzen, was produziert werden soll, und diese Organisation gegen uns durchsetzen. Die Auseinandersetzung damit, welche Arbeit sinnvoll ist und welche Zwecke wir mit unserer Arbeit verfolgen wollen, ist unter Bedingungen kapitalistischer Produktion aber nur beschränkt möglich. Kapitalistische Produktion steht unter der Voraussetzung, dass sie mit dem Zweck des Profits erfolgt – alle anderen Zwecke (soziale, ökologische, feministische, …) müssen dem Profit untergeordnet werden. Die neue Fähigkeit, die wir entwickelt haben, können wir unter den Bedingungen kapitalistischer Produktion daher nicht voll verwirklichen. Um diese Fähigkeit völlig zu entwickeln und unsere Produktivität dadurch zu steigern, wären gesellschaftliche Verhältnisse notwendig, in denen wir uns tatsächlich selbstständig damit auseinandersetzen können, welche Zwecke wir mit unserer Produktion verfolgen und welche Arbeit gesellschaftlich sinnvoll ist. Es ist also notwendig, dass wir eine Organisation unserer Gesellschaft entwickeln, in der wir unsere gesellschaftlichen Verhältnisse gemeinsam bestimmen – also unsere Gesellschaft demokratisch und sozialistisch organisieren. Diese Notwendigkeit ist nicht bloß eine abstrakte Notwendigkeit, sondern eine konkrete: nur, wenn es uns gelingt, unsere Produktion und Gesellschaft überhaupt gemeinsam und demokratisch zu gestalten, können wir den nächsten Schritt in der Entwicklung unserer produktiven Fähigkeiten gehen.

Fazit oder: Ein sozialistisches Programm der Gegenwart

Dass wir diesen nächsten Schritt gehen, ist keine Naturnotwendigkeit. Allerdings sehen wir – und darin lässt sich eine geschichtliche Konstante wiedererkennen – heute zahlreiche Krisen, Umbrüche und Verwerfungen in unserer Gesellschaft, die sich unter anderem daraus ergeben, dass wir Fähigkeiten entwickelt haben, die wir nicht verwirklichen können. Die Entwicklung unserer produktiven Fähigkeiten stößt an die Grenze dessen, was in unserer heutigen Gesellschaft möglich ist. Aus der Geschichte wissen wir auch, dass es in aller Regel zwei alternative Umgangsformen mit solchen gesellschaftlichen Krisen gibt: Eine Bewegung, die die neuen produktiven Fähigkeiten mit Gewalt in die alten Formen der gesellschaftlichen Verhältnisse zu zwängen versucht und dabei Autoritarismus, Krieg und Barbarei hervorbringt. Für diese Bewegung können wir auch heute viele anschauliche Beispiele finden. Es gibt aber noch eine zweite Bewegung, die die gesellschaftlichen Verhältnisse, die zu Krisen und Verwerfungen führt, zu überwinden sucht, um solche Verhältnisse hervorzubringen, die mit der Entwicklung und Verwirklichung der neuen produktiven Fähigkeiten vereinbar sind. Diese Bewegung ist heute der Sozialismus. Die Entwicklung sozialistischer Verhältnisse ist heute zwar nicht alternativlos. Aber sie ist die Alternative für alle, die der Barbarei entkommen und Verhältnisse erreichen wollen, in denen wir unsere gesellschaftlichen Verhältnisse produktiver und menschlicher gestalten.

 

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