Eine Prise “Identität” ein Schuss “Patriotismus” und fertig ist die braune Soße Ein Kommentar zu (neu)rechte Youtubewelt

Da ich nicht kochen kann, mag ich es sehr, wenn ich Nahrung nur noch konsumieren brauche. Nicht so beim Konsum von Social Media wie bspw. YouTube. Da merkt sich mein Video-Buffet, was ich regelmäßig „esse“ und setzt mir irgendwann nur noch den gleichen Brei vor. Jede*r, der/die YouTube nutzt hat seine ganz eigene bunte Videowelt mit höchst personalisierten Vorschlägen aufgrund von dem Zeug, dass man sich eh gerne reinzieht.

Ich war schon immer ein sehr neugieriger Mensch. Nicht selten hat mich das in komische Situationen gebracht und ebenso wenig verwunderlich also, dass bei mir auch irgendwann die Frage auftauchte, wie wohl die Filterblase eines Bernd (oder Björn?) Höckes oder Lars Steinkes aussehen könnte. Eine komplett gegensätzliche Filterblase zu meiner linken, progressiven YouTube Welt also. A la “kenne deinen Feind” begab ich mich auf die Suche, durchbrach die digitalen Wände meiner Filterblase und habe dabei wohl die Algorithmen meines Youtubeaccounts ziemlich durcheinander gebracht.

Damit ich nicht gleich wieder abschaltete und um dieses Projekt zu überstehen, dachte ich an einen seichten Einstieg mit einem “Verschwörungstheoriennachmittag”. Ob 9/11, Echsenmenschen, die Hohlerde, Hitlers Leben nach dem 2.WK in Südamerika (ja, daran glauben Menschen) oder natürlich die Klassiker der jüdischen Weltverschwörung oder der Chemtrails. Von rechtskonservativ bis geschichtsrevisionistisch war also wirklich alles dabei und irgendwann machte das Autoplay den Rest von ganz alleine. Und tatsächlich, nach einiger Zeit voll mit den krudesten Zusammenhängen ohne Rücksicht auf den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität, da war er. Mein erster (neu)rechter Videovorschlag.

Mein erstes Video aus meiner neuen rechten Filterblase bestand daraus, dass Martin Sellner mich mitnahm in seine Welt und das ist auf jeden Fall keine rosarote mit Einhörnern, sondern ziemlich schwarz/weiß. Unsere Gesellschaft ist bedroht durch “den großen Austausch”, also der Austausch unserer “indigenen” europäischen Bevölkerungen durch “Kulturfremde”, vor allem Arabischstämmige. Die Lösung des ganzen präsentiert Martin Sellner immer wieder. Nur eine “Remigration”, um “Ethnopluralismus” zu erhalten, kann da die Zukunft sein. In anderen Worten ist das nichts anders als die klassischen Neonaziparolen in einem pseudointellektuellen Gewand. Kein Wunder, dass ich von Verschwörungstheorien also da gelandet bin.

Martin Sellner ist aber nur, das wurde sehr schnell deutlich, das sehr wirksame Aushängeschild für die europaweite Identitäre Bewegung. Die anderen sind bei weitem nicht so präsent wie er, aber es gibt sie. Während Martin Sellner mit seinem charmanten auftreten und hippen Aussehen wie Schwiegermamas Liebling mit Scheitelfrisur daherkommt, dreht die deutsche Identitäre Bewegung Musikcover von Katja Krasavices “Sextape” mit dem Titel “Du weißt, ich bin rechts, Babe” in dem sie mich dazu einladen mit ihnen ein Hetztape für Deutschland zu drehen. Martin Sellner, wenn er nicht gerade fragt “wo wir Silvester waren” oder auf Abenteuerreisen im Mittelmeer oder den französischen Alpen ist, steht dann auch eher mal am Herd und dreht Kochvideos, in dem er Curry kocht. Das soll dann Beispiel genug dafür sein, dass er und die Identitären ja nicht per se gegen andere Kulturen sind, sondern dafür, dass man sie eben nur voneinander trennen sollte (Stichwort „Ethnopluralismus“).
Wie ein Bekannter von mir es nannte, wirken die Aktionen der Identitären wie Kinder auf einem Abenteuerspielplatz. Gerade bei sowas wie „Operation: Defend Europe“, um auf dem Mittelmeer gegen die „Schlepper-NGOs“ vorzugehen. Ihre Aktionen werden medial dann so aufbereitet und aufgebauscht, dass sie total wichtig und wirksam wirken, was aber einfach nicht stimmt.
Martin Sellner hat sich selbst zu einer Marke gemacht. Er verdiente sein Geld einerseits über
Spenden, andererseits über den Verkauf patriotischer Kleidung. Er macht also ganz gezielt
„Patriotismus“ zu einem Lebensstil, dessen Waren er selbst (teilweise) vermarktet. Mittlerweile gibt es sogar identitäres Craftbier aus Norddeutschland.

Von Martin Sellner war es dann wirklich nicht mehr weit zu Hagen Grell. Auch er übernimmt
Vokabular wie “Ethnopluralismus” und “Schuld-Kult”. Er geht nur weiter und postuliert, dass der durch “Parasiten-Eliten” geförderte “große Austausch” unsere Gesellschaft und Kultur bedrohe. Ich war angekommen in den tief rechten YouTubefilterblasen unserer Zeit.

Hagen Grell nahm mich unter anderem auch auf einen seiner “philosophischen Waldspaziergänge” mit, auf dem er mir seine Gedanken zum “toxischen Feminismus”, der unsere Gesellschaft natürlich zerstöre, darlegte. Zu meinen Gedanken könnten diese nicht unterschiedlicher sein, aber ich ließ mich auf die ca. 20 Minuten (Ja, er hatte verdammt viel zu sagen) ein. Unter dem Titel “Tox-Feminismus: Männer, wir beenden diesen Alptraum!” und der Beschreibung “Der alles vergiftende moderne Feminismus wurde mithilfe von Frauen etabliert. Doch es ist an uns, Männer, diesem Spuk ein Ende zu bereiten!” wurde alles verpackt, was von antifeministischen Gruppen immer hervorgebracht wird. “Toxischer Feminismus” ist für ihn “eine giftige Abart des Feminismus, die eigentlich nichts mehr mit den Grundprinzipien zu tun hat.” Hagen Grell belegt dies mit einem Buch über Psychopathen, die in eine Ideologie eindringen und diese von innen heraus zerstören, nur noch die Außendarstellung aufrecht erhalten, damit es für andere wie die Ursprungsidee aussieht.

Also liebe Feminist*innen, haltet euch fest. Wir sind alles Psychopathen, weil wir nicht mehr zu 100% pro Weiblichkeit und Mütterlichkeit sind, sondern gegen die Frauen* aber pro Sozialismus und Kommunismus aus einem marxistischen Weltbild heraus handeln würden. In wenigen Sekunden ist augenscheinlich völlig logisch die Verbindung von Psychopathen über Feminismus hin zur bolschewikischen Weltverschwörung gemacht und natürlich wird nirgendwo weiter unterschieden.
Diese “Fehlentwicklung” gilt es natürlich zu korrigieren – und das müssen natürlich wieder die ach so armen Männer machen. Wer sonst..
Wie das noch schlimmer werden kann? Gar nicht so schwer. Auf der Youtubefilterblasenlandkarte, auf der ich mich versuchte zu orientieren, war es zum selbsternannte “Volkslehrer” nur um die Ecke. Nikolai Nerling, der “Volkslehrer”, war früher wirklich Lehrer bis ihm ein Gericht verboten hatte, den Lehrberuf weiter auszuführen. Ein Glück. Wenn er nicht gerade Gespräche über eine Sitzbank mit dem Gitarrist von Stahlgewitter führt, “tourt” er durch die Gegend und vertritt (oder eher verdreht)
auf geschichtsrevisionistische Art und Weise so ziemlich alles, was man so von sich geben kann. Auf normalen Band-Werbeplakaten, und sowieso hinter jeder Straßenecke, sieht er die jüdische Weltverschwörung und vergibt “Wahlempfehlungen” im Vorfeld der Europawahl. Er empfiehlt die eigenen Stimmen nicht der AfD zu geben, sondern “Der Rechten”, der NPD oder dem III. Weg, da die AfD eh genug Stimmen bekommen würde. Generell tut sich der “Volkslehrer” mit geschichtsrevisionistischer und esoterischer Deutschtümelei, wirklich alles was man sich darunter auch nur vorstellen kann, hervor. Er ist gern gesehen beim Who’s Who der deutschen Neonaziszene.

Das musste für mich das Ende sein, denn länger konnte ich das nicht mehr ertragen. Alles öffentlich mit einem Klick verfügbar. Niemand, der es kontrolliert. Niemand, der die Fakten und Zusammenhänge richtig stellt. Durch die Internetverbindung in jedem Wohn- oder Schlafzimmer erreichbar.

Was mir dabei aufgefallen ist? Ich kannte viele Argumentation bereits von der AfD. Beispielsweise dass wir in einer Diktatur leben würden, in der unliebsame Meinungen, die also nicht mit der Staatsdoktrin übereinstimmen, unterdrückt werden würden. Die Teilnehmer dieser (neu)rechten Filterblase leben alle in eigener Welt mit eigenem Weltbild, welches sich bei radikalen AfDlern zeigt: es gibt nur noch ein Wir, das von einem universellen Anderen bedroht wird. Viele aus dieser Szene haben Notfallpläne. Da ist das Spektrum breit und reicht von Preppern bis zu Plänen der Auswanderung nach Ungarn oder Kanada. Geradezu apokalyptisch wird darüber gesprochen, was man macht, wenn das “das System” (ich habe bis heute keine genau Antwort darauf, was genau damit gemeint ist) früher oder später zusammenbrechen sollte, wenn sie das Deutschland nicht mehr zu retten können.

Eine grundsätzliche Verschwörungstheorie, auf die sich alle anscheinend geeinigt haben, ist, dass die 68er in die heutigen Spitzenpositionen kultureller, politischer und medialer Institutionen eingezogen sind und von dort das Volk zugunsten ihrer eigenen Ziele (u.a. “großer Austausch”) manipulieren. Ein Wahnsinn, wenn man die geballte Macht dieser (neu)rechten Filterblase mal auf sich wirken lässt und die allzu bekannten Aussagen der AfD miteinander verbindet.

Was bleibt neben notorischen Kopfschütteln und eigentlich nur noch mehr Fragen, die sich vorher überhaupt gar nicht gestellt haben, übrig? Eine kritische Social Media Betrachtung.
Früher hatte jede Subkultur ihren eigenen Raum und Platz im öffentlichen Raum. #diesejungenleute eben. Trotzdem abseits der Mitte, aber in der Wahrnehmung der Gesellschaft. Die Punks vor’m Hauptbahnhof, die Gothics erst nach 23 Uhr, die Metaller am Tresen, die Emos später irgendwo dazwischen. Die Nazis aber unter sich im Sportvereinshaus auf dem Land oder in einem privaten Raum, weil sie eben nicht öffentlich Teil der Mehrheitsgesellschaft waren. Klar, Punks waren nervige Spinner und Metaller auch nicht gerade der Inbegriff von Schwiegermamas Liebling, aber Rechtsradikale waren zwar da, aber irgendwo verdeckt, nicht präsent und nicht eingeladen.

YouTube bietet Ihnen, so wie auch anderen eine neue Plattform. Nett verpackt und fancy
aufbereitet, noch ein netter trendiger Look hier und das aufgreifen von Challenges und
YouTubetrends dort gesprenkelt mit ein paar ach so witzigen Parodien von YouTubestars und fertig ist die moderne Form der rechten Szene als Influencerinnen und Influencer (ohne *, da es für Sie nur Zweigeschlechtlichkeit gibt) für alle erreichbar.

Filterblasen machen dann den Rest. Da wir alle in unserem ewig gleichen Input-Sud hängen,
bekommen auch Sie Bestätigung, Zuspruch und das gleiche Gefühl von „endlich gehöre ich dazu“ aus dem dann ein „auch ich habe (An)Recht und vor allem die richtige Meinung“ wird. Dass die halt nicht demokratisch ist stört dann auch niemanden mehr, da ja niemand in der Filterblase eine andere Meinung vertritt und die anderen ja sowieso die Antidemokraten sind.

Eigentlich schon bezeichnend, dass sich nichts ändert. Schon in den 90ern sagte Pierre Bourdieu über das Fernsehen:

“Vielleicht liegt das Neue an den Explosionen von Fremdenhaß und Nationalismus […] wesentlich allein in den von den modernen Kommunikationsmitteln gebotenen Möglichkeiten, diese primitiven Leidenschaften auszubeuten.”

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