New Level. Zu Kapitalismus, Digitalisierung und Sozialismus

Dieser Text ist zuerst in der Ausgabe 225 (2/2018) der Zeitschrift spw – Sozialistische Politik und Wirtschaft erschienen. Die spw ist eine zweimonatlich erscheinende Zeitschrift, in der wesentliche Fragen der Sozialdemokratie und der gesellschaftlichen Linken bearbeitet werden. Hier kann die spw abonniert werden: https://www.spw.de/xd/public/content/index.html?sid=abo.

Wo die Gegenseite sich betont einmütig zeigt, ist Vorsicht geboten. Alle reden heute von der Digitalisierung. Und wenn man sich von Unternehmensverbänden über die Bundesregierung bis zu den Gewerkschaften einig ist: „Wir“ müssen die Digitalisierung gestalten, damit die Geschichte „uns“ nicht überrollt – dann sollte uns das nachdenklich stimmen. Es ist die Aufgabe der Arbeiter*innenbewegung, unser Schicksal nicht mehr anderen zu überlassen, sondern unsere Geschichte selbst zu schreiben. Welche Aufgaben dabei vor uns liegen, bestimmen wir selbst.

Power, Power, Power – unsere Geschichte

Triebfeder und Grundlage unserer gesamten Geschichte ist die Entwicklung unserer Fähigkeit, gemeinsam unsere Lebensmittel hervorzubringen und unsere Lebensumstände zu gestalten. Als Menschen sind wir gesellschaftliche Wesen, können also sowohl als Einzelne als auch als Menschheit nur überleben, wenn wir unsere Lebensmittel und -umstände gemeinsam hervorbringen.1Das ist nachzulesen in der Deutschen Ideologie: MEW 3, S. 20 ff. Darin sind wir lernfähig, d.h. wir entwickeln unsere gemeinsame Produktion beständig weiter – zum Teil bewusst, zum Teil unbewusst. Diesen Lernprozess nennt Marx die Entwicklung unserer Produktivkraft. Wir werden immer besser darin, unser Leben gemeinsam zu gestalten – erbringen unsere Arbeit also gemeinsam mit immer mehr Menschen, befriedigen durch unsere individuelle Arbeitstätigkeit die Interessen von immer mehr Menschen und die Zusammenhänge unserer Produktion werden immer komplexer. Indem wir unsere Fähigkeiten weiterentwickeln und dazulernen, eröffnen sich uns neue Möglichkeiten, unsere gesellschaftlichen Verhältnisse einzurichten und unsere Geschichte zu gestalten. Damit, dass die beständige Weiterentwicklung unserer Fähigkeiten uns neue Möglichkeiten und Freiheiten eröffnet, ist aber noch nicht gesagt, dass und wie wir sie umsetzen. Stahl kann zu Pflügen oder Schwertern verarbeitet werden, die Eisenbahn zum schnellen Warentransport oder zur minutiös geplanten Vernichtung von Menschen dienen, die digitale Kommunikation Menschen einander nahebringen oder ihr Intimstes der Überwachung preisgeben – durch das Erlernen neuer Fähigkeiten haben wir noch lange nicht gelernt, sie vernünftig einzusetzen.

Der Grund dafür ist eine faszinierende Eigenschaft der Menschen: wir müssen, um zu lernen, nicht lernen wollen. Wer weiß, wie mühsam es ist, systematisch eine neue Sprache zu lernen, kann nicht aufhören zu staunen, wie spielend leicht jüngere Kinder neue Sprachen erlernen – ohne sich dessen auch nur bewusst zu sein. So verhält es sich auch mit dem Erlernen unserer produktiven Fähigkeiten. Den Großteil dessen, was wir in unserer bisherigen Geschichte gelernt haben, haben wir wie Kinder gelernt: ohne uns dessen auch nur bewusst zu sein. Das geschieht auch heute. Wir haben eine neue Fähigkeit gelernt, ohne uns dessen auch nur bewusst zu sein. Und die Debatte um die Digitalisierung, wie sie heute geführt wird, macht es umso schwerer, uns das bewusst zu machen, da sie das Wesentliche an der Produktivkraftentwicklung der Gegenwart nicht erklärt, sondern verdeckt. Denn in der Diskussion um die Digitalisierung und den Wandel der Arbeitswelt erscheint es oft so, als wenn diese Entwicklung auf findige Unternehmer*innen zurückzuführen oder naturgegeben sei. In Wirklichkeit liegt dem Ganzen jedoch eine neue produktive Fähigkeit zugrunde, die uns völlig neue Möglichkeiten eröffnet, unsere Geschichte zu gestalten.

Da unsere Produktion bislang im Großen und Ganzen unbewusst und ungeleitet erfolgte, brauchte es in aller bisherigen (!) Geschichte Menschen, die die Vermittlung der einzelnen Arbeitstätigkeit mit der gesamtgesellschaftlichen Produktion übernehmen, indem sie sich die Arbeit der Einzelnen unterordnen. Dadurch erhalten sie eine besondere Stellung im Produktionsprozess, die zwar ihren eigenen Interessen dient, da sie mit gewissen Privilegien einhergeht, aber auch eine gesamtgesellschaftlich notwendige Funktion erfüllt. In unserer Geschichte haben wir, dem jeweiligen Stand unserer Fähigkeiten entsprechend, äußerst komplexe gesellschaftliche Verhältnisse hervorgebracht, die unser gesamtes Leben bestimmen. Diese Verhältnisse sind so komplex, dass sich ganze Zweige unserer Wissenschaft damit auseinandersetzen, zu verstehen, was wir da hervorgebracht haben. Sie unterscheiden sich voneinander nach den verschiedensten Seiten: das jeweilige Geschlechterverhältnis, die politischen und juristischen Verhältnisse, die sozialen Milieus usw. usf. Immer aber schreiben wir durch unsere gesellschaftlichen Verhältnisse fest, wie wir unsere Produktion organisieren und wem welche Rolle im Produktionsprozess zukommt. Da es bislang immer Einzelpersonen waren, denen die Rolle der Vermittlung des Produktionsprozesses zukam, indem sie sich die Arbeit der Menschen unterordneten, waren auch unsere bisherigen gesellschaftlichen Verhältnisse immer von gewaltförmigen Unterordnungsverhältnissen bestimmt.2„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.“ (Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 462)

Gib‘ Geld – Unterordnung der Arbeit unter das Kapital

Auch im Kapitalismus gibt es noch Einzelpersonen, die die Vermittlung der gesamtgesellschaftlichen Produktion übernehmen und sich die Arbeit unterordnen – die Kapitalist*innen. Das Neue gegenüber den bisherigen Produktionsweisen, das mit dem Kapitalismus auftritt, ist nicht die Unterordnung, sondern die Ersetzung der personalen Herrschaft über die gesamtgesellschaftliche Produktion durch eine verobjektivierte Herrschaft. Die zunehmend komplexe Produktion kann nicht mehr von Einzelnen kontrolliert werden, sondern wächst den Menschen über den Kopf. An die Stelle personaler Kontrolle der Produktion tritt die Organisation durch ein Prinzip: das Profitprinzip – produziert wird, was profitabel ist.3Natürlich ersetzt das Profitprinzip nicht jede Form personaler Herrschaft – der gesamte Produktionsprozess bleibt durchsetzt von Formen personaler Herrschaft. Aber an dieser Stelle ist wichtig: durch das Profitprinzip gibt es ein gesamtgesellschaftlich objektives Prinzip, nach dem entschieden wird, was produziert wird; die Entscheidung ist nicht mehr der Willkür Einzelner überlassen. Das ist das Vernünftige darin. Das Unvernünftige liegt darin, dass das Profitprinzip blind gegenüber sonstigen Zwecken der Produktion ist – es ist egal, was für Waren produziert werden, solange sie profitabel sind. Die Notwendigkeit, profitabel zu produzieren, tritt an jede*n einzelne*n Warenproduzent*in heran. Die Kapitalist*innen übernehmen durch die unternehmerische Funktion die Rolle, sicherzustellen, dass die Produktion profitabel ist – und damit den gesellschaftlichen Anforderungen entspricht. Sie übernehmen diese Funktion, indem sie sich die Arbeit der in ihrem Unternehmen tätigen Arbeiter*innen unterordnen und ihre Arbeitstätigkeit so organisieren, dass sie profitabel ist.

Im sogenannten Maschinenfragment4Marx, Grundrisse, S. 590 ff. stellt Marx diese Unterordnung der Arbeit unter das Kapital dar. Die Unterordnung der gesellschaftlichen Produktion unter das Profitprinzip drückt sich in der Arbeitstätigkeit als die die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital aus – oder, wie Marx formuliert, der lebendigen unter die vergegenständlichte Arbeit.5Die Produktionsmittel, hier insb. die Maschinen, sind ja Produkt von Arbeit und so Gegenstand gewordene, vergegenständlichte Arbeit. Marx unterscheidet die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital nach zwei Hinsichten: eine formelle und eine materielle Unterordnung – und erst durch beide ist die kapitalistische Form der Vergesellschaftung der Arbeit vollständig. Die formelle Unterordnung der Arbeit unter das Kapital geschieht durch den Arbeitsvertrag. Durch diesen erhalten die Kapitalist*innen das Weisungsrecht, den ArbeiterInnen vorzugeben, wie sie ihre Arbeitstätigkeit auszuüben haben. Die formelle Unterordnung stellt die Voraussetzung der kapitalistischen Vergesellschaftung der Produktion dar, aber sie bleibt unvollständig ohne die materielle Unterordnung der Arbeit. Die materielle Unterordnung erfolgt erst im konkreten Arbeitsprozess, in der Fabrik und durch die Maschine. Es fällt uns nicht schwer, uns das für die Hochzeit der Industrialisierung bis weit ins 20. Jahrhundert vorzustellen: die Maschine und das Fließband geben den Takt vor, die Arbeiter*innen haben sich dem unterzuordnen und in ihrer Arbeitstätigkeit danach zu richten.

Mit dieser Neuordnung der Produktionsverhältnisse ging eine Neuordnung der Verteilungsverhältnisse einher. Die Aneignung der Produkte durch die Kapitalist*innen führte zu vorher ungekannter sozialer Ungleichheit. Die Arbeiter*innen wurden in riesigen Fabriken zusammengepfercht, um unter unmenschlichen Bedingungen für den Profit der Fabrikant*innen zu schuften.6Für eine zeitgenössische Darstellung ist noch immer maßgebend: Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England, MEW 2. Im Übrigen empfehlenswert: Komlosy, Andrea, Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive, Promedia, 2014.

Work, work, work – die Produktivkraftentwicklung in der Gegenwart

Springen wir in die Gegenwart. Worüber heute unter dem Thema der Digitalisierung gesprochen wird, lässt sich mehrere Jahrzehnte bis (mindestens) in die 1950er-Jahre zurückverfolgen und hat seine Grundlage in einer neuen Produktivkraftentwicklung.7Das begriffen und dargestellt zu haben, ist das Verdienst von Stephan Siemens; vgl. Stephan Siemens und Martina Frenzel: Das unternehmerische Wir (VSA-Verlag). Dass wir neue produktive Fähigkeiten entwickeln, ist, dem Bisherigen folgend, no big news. Das Besondere dieser neuen produktiven Kraft ist aber, dass ihr eine Dynamik innewohnt, das Besondere der kapitalistischen Produktionsweise, die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital, aufzuheben. Dass die Unternehmensverbände nicht gerne über die Entwicklung einer produktiven Kraft sprechen, die die Beschäftigten in die Lage versetzt, die Unterordnung der Arbeit unter das Kapital aufzuheben, ist verständlich. Das sollte uns aber nicht dazu verleiten, eine Möglichkeit zu ignorieren, unsere Produktion wirklich gemeinsam und demokratisch zu organisieren.

Die Entwicklung der neuen produktiven Kraft hat – wie die Entwicklung unserer produktiven Fähigkeiten überhaupt – eine objektive und eine subjektive Seite.8„In dem Akt der Reproduktion selbst ändern sich nicht nur die objektiven Bedingungen […], sondern die Produzenten ändern sich, indem sie neue Qualitäten aus sich heraus setzen, sich selbst durch die Produktion entwickeln, umgestalten, neue Kräfte und neue Vorstellungen bilden, neue Verkehrsweisen, neue Bedürfnisse und neue Sprache.“ (Marx, Grundrisse, MEW 42, S. 402) Die subjektive Seite ist die Weiterentwicklung unserer Fähigkeit, unsere gesellschaftliche Arbeitsteilung zu organisieren. Die objektive Seite dieser Entwicklung sind neue Technologien, d.h. in erster Linie die Digitalisierung. Für uns ist an dieser Stelle in erster Linie die subjektive Seite ausschlaggebend. Die umwälzend neue Fähigkeit, die wir nämlich erlernt haben, ist die, uns selbstständig mit dem gesellschaftlichen Charakter unserer individuellen Arbeitstätigkeit auseinanderzusetzen und sie mit der gesamtgesellschaftlichen Produktion zu vermitteln. Es ist nicht so, dass diese Fähigkeit bisher niemand besessen hätte – schließlich gab es immer Einzelne, deren Stellung im Produktionsprozess eben darin bestand, diese Vermittlung zu leisten. Und die ArbeiterInnenbewegung hat sich von Anfang an mit der gesellschaftlichen Bedeutung ihrer Arbeit auseinandergesetzt – aber außerhalb der Arbeit, in der Freizeit. Heute haben wir diese Fähigkeit umfassend erlernt, sie ist zu einer allgemeinen Fähigkeit geworden. Die Beschäftigten sind heute in der Lage, sich in ihrer Arbeit mit den gesellschaftlichen Notwendigkeiten der Produktion auseinanderzusetzen. Innerhalb einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung heißt das: sie sind in der Lage, sich damit auseinanderzusetzen, dass ihre Arbeit stets profitabel sein muss. Diese Seite der neuen produktiven Kraft ist eine, die sich die Unternehmensleitungen nur zu gerne zunutze machen. Durch indirekte Steuerung, Selbstoptimierung usw. lassen sie die Beschäftigten „sich selbst ausbeuten“.9Ein selbstwidersprüchlicher Begriff; der Kürze wegen verwende ich ihn hier dennoch.  Das äußert sich bspw. in Teamarbeit, in der sich die Beschäftigten gemeinsam mit ihrer Arbeit auseinandersetzen, sich damit beschäftigen, welche Arbeitsschritte sinnvoll sind, und ihre Arbeitstätigkeit untereinander aufteilen.10Für mehr Beispiele aus der Arbeitswelt will ich auf den Film Work Hard – Play Hard und das dazugehörige Buch (s. Literaturliste) verweisen. Dass sich das auch in einer Veränderung des Konsums und der Lebensweise äußert (s. Fn. 17), kann ich hier nur andeuten. Die Fähigkeit, sich mit dem gesellschaftlichen Charakter der eigenen Arbeit auseinanderzusetzen, geht aber weit darüber hinaus, dafür zu sorgen, dass sie profitabel ist. Die Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Charakter der eigenen Arbeit und den gesellschaftlichen Notwendigkeiten der Produktion könnte wesentlich mehr umfassen. Zum Beispiel die Auseinandersetzung mit dem Geschlechterverhältnis der eigenen Arbeit oder deren Auswirkungen auf die natürlichen Lebensgrundlagen – und vieles mehr. Um auch diese Seiten unserer neuen produktiven Fähigkeiten zu entfalten, müssten wir allerdings unsere Produktion aus den Fesseln der kapitalistischen Zwänge befreien und sie uns gemeinsam unterordnen, d.h. demokratisch organisieren.

Was wir durch die Entfaltung der neuen produktiven Kraft heute erleben, ist gewissermaßen die Selbstaufhebung der Unterordnung der Arbeit unter das Kapital. Was heute schon stattfindet, ist die Umkehrung der materiellen Seite der Unterordnung der Arbeit unter das Kapital: Es arbeiten nicht mehr viele Arbeiter*innen nach dem Takt einer Maschine, sondern viele Maschinen werden durch Computer koordiniert, die von wenigen Menschen bedient werden können. Darin drückt sich also eine materielle Unterordnung der vergegenständlichten Arbeit (Maschinen) unter die lebendige (Beschäftigte) aus. Die materielle Unterordnung der vergegenständlichten Arbeit unter die lebendige ist die Voraussetzung einer gemeinsamen und bewussten Organisation unserer gemeinsamen Produktion, aber die Aufhebung bleibt unvollständig. Was fehlt, ist die Aufhebung der formellen Seite der Unterordnung. Die muss aber darin bestehen, dass die Beschäftigten die (rechtlich festgeschriebene) Entscheidungsbefugnis über den Produktionsprozess haben, also demokratisch darüber entscheiden, was und wie produziert werden soll.11Durch die demokratische Organisation der Produktion würde auch erst die Vergesellschaftung der Arbeit wirklich werden. Die bisher bloß materielle Vergesellschaftung der Arbeit würde ihre formelle Entsprechung in der Vergesellschaftung der Produktionsmittel finden.

Was für eine Zeit – die Auswirkungen der neuen produktiven Kraft heute

Sind aber unsere produktiven Fähigkeiten materiell so weit entwickelt, dass sie eine Neuordnung unserer Produktion möglich und nötig machen, während sie sich noch in der Form der alten Produktionsverhältnisse bewegen, treten Widersprüche und Krisen immer deutlicher zutage.12„Daß der Moment einer solchen Krise gekommen, zeigt sich, sobald der Widerspruch und Gegensatz zwischen den Verteilungsverhältnissen, daher auch der bestimmten historischen Gestalt der ihnen entsprechenden Produktionsverhältnisses einerseits, und den Produktivkräften […] andererseits, Breite und Tiefe gewinnt. Es tritt dann ein Konflikt zwischen der materiellen Entwicklung der Produktion und ihrer gesellschaftlichen Form ein.“ (Das Kapital Bd. 3, MEW 25, S. 891) Und tatsächlich erleben wir in der Gegenwart Krisen und Widersprüche zuhauf. Das sind zum einen Widersprüche im Produktionsprozess selbst. Die Entwicklung unserer neuen produktiven Fähigkeiten steht in einem Widerspruch zu den kapitalistischen Produktionsverhältnissen, in denen wir sie gerade entfalten. Auf der subjektiven Seite ist es vor allem die Auseinandersetzung der Beschäftigten mit dem gesellschaftlichen Sinn ihrer Arbeit, die in Widerspruch mit dem Privateigentum an Produktionsmitteln gerät: Warum sollten wir unsere Arbeitstätigkeit ausschließlich dem Zweck der Profitgewinnung für Einzelpersonen unterordnen, wenn es so viele andere sinnvolle Zwecke gibt. Solange aber die Unternehmen Privatpersonen gehören und es Einzelne sind, die das Recht haben, darüber zu bestimmen, was und wie wir produzieren, wird deren Privatinteresse an einem möglichst hohen Profit die Verfolgung anderer sinnvoller Zwecke immer beschränken. Die Beschäftigten haben dadurch immer häufiger das Gefühl, sinnlose Arbeit zu verrichten und suchen nach einer sinnvollen Beschäftigung.13Die häufigsten psychischen Folgen sind Depressionen und Burnout; vgl. dazu Frenzel/Siemens: Burnout – eine Folge der neuen Organisation der Arbeit. Und auch durch die objektive Seite der neuen produktiven Kraft ergeben sich neue Widersprüche: Die Digitalisierung, das Internet und neue Technologien machen es möglich, bestimmte Güter im Grunde unendlich oft zu vervielfachen und sehr einfach zur Verfügung zu stellen. Das aber gerät in einen Widerspruch zu der Notwendigkeit für die UnternehmenseigentümerInnen, ein ausschließliches Eigentum an den Produkten zu haben, um sie dann zur Profiterzielung zu verkaufen.14Vgl. zu dieser Problematik auch Arno Brandt in spw 220.

Aber nicht nur im Produktionsprozess selbst treten Widersprüche auf, sondern auch in unseren übrigen gesellschaftlichen Verhältnissen werden sie sichtbar. Die soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik wächst heute wieder deutlich stärker, die relative Armut nimmt zu. Die 45 reichsten Haushalte besitzen so viel wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung15Vgl. dazu die Studie von DIW und Uni Potsdam vom 23.01.18, abrufbar auf diw.de und die Bundesregierung16 Vgl. Meldung der dpa vom 25.03.18. berichtet, dass fast jeder zehnte Haushalt von Hartz IV lebt – und damit unter unhaltbaren Zuständen. Die weiterwachsende Ungleichheit macht deutlich, dass wir die Auswirkungen unserer Produktionsweise noch bei weitem nicht kontrollieren können. Und der Klimawandel zeigt uns bspw., dass das Ausmaß der Unbeherrschtheit unserer Produktion die Existenz unserer natürlichen Lebensgrundlagen gefährdet. Die Unbeherrschtheit unserer gemeinsamen Produktion tritt uns heute also deutlich wie nie vor Augen.17Die zeitgleiche Wiederkehr des Biedermeier und der Rückzug ins Private bei Kaffee, craft beer und urban gardening muss vor diesem Hintergrund wie ein Treppenwitz der Geschichte erscheinen.

Comin‘ out strong – unsere geschichtlichen Aufgaben

Wir können also dazu übergehen, unsere geschichtlichen Aufgaben zu bestimmen. Sie liegen, blicken wir auf das Gesagte zurück, klar zutage. Mit unseren Fähigkeiten sind auch unsere Aufgaben gewachsen. Ging es in den letzten 150 Jahren in erster Linie darum, einen Umgang mit den Folgen der Unbewusstheit und Unbeherrschtheit unserer Produktion zu finden, stellt sich uns heute eine grundlegendere Aufgabe.18Ein Indiz dafür mag auch die schwindende Zustimmung für sozialdemokratische Parteien weltweit sein – deren politisches Programm ja wesentlich der Umgang mit diesen Folgen ist. Der Stand der Entwicklung unserer produktiven Fähigkeiten stellt uns vor die unermesslich schwierige Aufgabe, unsere gesellschaftlichen Verhältnisse überhaupt und unsere Produktion im Besonderen so zu gestalten, dass sie uns eine bewusste Entwicklung unserer Fähigkeiten erlauben. Sie lautet: wie schaffen wir es, unsere gesellschaftlichen Verhältnisse so zu organisieren, dass wir unsere Arbeitstätigkeit gemeinsam und demokratisch daran ausrichten, was gesellschaftlich sinnvoll ist, und das gesellschaftliche Produkt entsprechend der Bedürfnisse verteilen?

Derzeit gibt es keine politische Partei oder Bewegung, die eine solche grundlegende Umgestaltung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse verwirklichen könnte. Zwar widmen sich unterschiedliche Bewegungen und Organisationen unterschiedlichen Seiten unserer gemeinsamen Produktions- und Lebensweise. Die Gewerkschaften bearbeiten unsere Arbeitsbedingungen, feministische Bewegungen setzen sich mit dem Geschlechterverhältnis auseinander, ökologische Organisationen denken über den Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen nach und zahlreiche zivilgesellschaftliche Verbände und politische Bewegungen bearbeiten andere Aspekte unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. Es wird aber einer gemeinsamen Anstrengung aller dieser Bewegungen und der Beschäftigten bedürfen, um die Aufgaben zu lösen, die vor uns liegen.

Die Jusos haben sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Wandel der Arbeitswelt und der Digitalisierung auseinandergesetzt, dabei verschiedene theoretische Positionen und politische Haltungen diskutiert und schließlich Beschlüsse gefasst, in denen sie Reformvorhaben darstellen, um die schädlichen Auswirkungen des Wandels der Arbeitswelt auf die Beschäftigten zu beschränken. Heute sind es zwei geschichtliche Aufgaben, die die Jusos wahrnehmen können. Zum einen braucht es ein sozialistisches Programm der Gegenwart, das vor dem Hintergrund der Produktivkraftentwicklungen einen Weg zur Aufhebung der jetzigen Verhältnisse, einen Weg zum Sozialismus aufzeigt. Ein solches zu erarbeiten haben sich die Jusos mit dem aktuellen Arbeitsprogramm vorgenommen. Zum anderen braucht es eine wirkliche Bewegung, die diese Aufhebung leistet. Hier können die Jusos – ganz im Sinne ihrer Doppelstrategie – die Funktion wahrnehmen, die Dynamiken der vielfältigen politischen Bewegungen, die sich gerade entwickeln, in die Sozialdemokratie zu übertragen und daran mitzuarbeiten, eine breite gesellschaftliche Bewegung zu bilden.

Standen wir bisher vor großen Aufgaben, stehen wir heute vor größeren. Und zu allem Überdruss stecken Sozialdemokratie und ArbeiterInnenbewegung in einer tiefen Krise. Wenn auch Vorsicht geboten ist, wo sich die Gegenseite einmütig zeigt, lernt man am besten von anderen. Ein Lehrsatz der Betriebswirtschaft sagt, dass man sich in Zeiten von Krisen auf sein Kerngeschäft besinnen sollte. Tun wir das: Besinnen wir uns in Zeiten der Krise auf unser Kerngeschäft – machen wir Geschichte.

 

Ohne Skyline – Literatur:

Bockenheimer, Eva/Losmann, Carmen/Siemens, Stephan: Work Hard Play Hard. Das Buch zum Film, Schüren 2013

Engels,Friedrich: Die Lage der arbeitenden Klassen in England, in: Marx-Engels-Werke, Dietz-Verlag (MEW) Bd. 2

Engels, Friedrich/Marx, Karl: Die Deutsche Ideologie, MEW 3

Engels, Friedrich/Marx, Karl: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4

Frenzel, Martina/Siemens, Stephan: Burnout – eine Folge der neuen Organisation der Arbeit, hg. von Arbeit und Leben, DGB/VHS Herford, 2. A 2015

Komlosy, Andrea: Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive, Promedia, 2014.

Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie Bd. 1, MEW 23

Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie Bd. 3, MEW 25

Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW 42

Siemens, Stephan/Frenzel, Martina: Das unternehmerische Wir, VSA 2014

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