Politische Aufgaben und historische Perspektiven. Die neuen Arbeitsorganisationsformen

„Arbeit 4.0“, „Postfordismus“, „flexible Arbeit“, „Digitalisierung der Arbeitswelt“ – es gibt viele Namen, unter denen der Wandel unserer Arbeitsweise und die neuen Arbeitsorganisationsformen beschrieben und zu erklären versucht werden. Globalisierung, Individualisierung und Digitalisierung werden darüber hinaus von den Menschen häufig als prägende Elemente ihres Lebens empfunden. Als treibende Kraft hinter diesen Entwicklungen wird oft die Durchsetzung des Neoliberalismus gesehen – daraus ergibt sich das Bedürfnis, sich mit dem Neoliberalismus auseinanderzusetzen und ihn zu kritisieren. Woran es bislang aber fehlt, ist eine sozialdemokratische Antwort auf die Fragen der Gegenwart; eine Antwort, die der gesellschaftlichen Entwicklung nicht bloß hinterherläuft und sie im Nachhinein zu verstehen versucht. Die gegenwärtigen Entwicklungen werfen Fragen auf, die einer sozialdemokratischen Antwort bedürfen. Eine Antwort, die die Gegenwart unter ihren geschichtlichen Vorzeichen begreift und eine politische Perspektive für die Zukunft aufzeigt.Wir müssen uns an erster Stelle also daran machen, die Entwicklungen unserer Zeit zu betrachten, um sie zu begreifen; dafür ist es allerdings nötig, ein paar Jahre zurück zu blicken.

Die Entwicklung der neuen Arbeitsorganisationsformen und die neue produktive Kraft

In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts gibt es einige Unternehmen, die Technologien wie Computer und Internet produzieren wollen, aber nicht wissen wie, und daher auch nicht, welche Anweisungen sie ihren Beschäftigten geben sollen. Ihre Beschäftigten entwickeln daraufhin in Teams eine neue Form des Arbeitens: sie arbeiten nicht mehr nach direkten Anweisungen, sondern machen sich im Team Gedanken über ihre Arbeitstätigkeit, d. h. darüber, was und wie sie am besten arbeiten sollen und wie sie am produktivsten arbeiten können. Diese Form des Arbeitens in Teams erweist sich bald als eine überaus produktive. Die Beschäftigten haben eine neue produktive Kraft entwickelt: Sie entwickelten eine neue Fähigkeit, durch die Reflexion über ihre eigene Arbeit mit möglichst wenig Kraft- und Zeitaufwand eine größtmögliche Menge gesellschaftlichen Reichtums zu produzieren. Wichtig ist hier hervorzuheben, dass nicht die Unternehmen diese Kraft entwickelt haben, sondern die Beschäftigten; die Unternehmen versuchen allerdings sie sich nutzbar zu machen.

Denn bald merkten auch die Unternehmen, dass die Beschäftigten produktiver arbeiten, wenn sie keine direkten Weisungen durch ihre Vorgesetzten erhalten, sondern sich in Teams mit dem Sinn und der Organisation ihrer Arbeit auseinandersetzen. Um nicht hinter der erfolgreicheren Konkurrenz zurückzubleiben, sind die Unternehmen gezwungen, sich an die neue produktive Kraft der Beschäftigten anzupassen. Es entwickeln sich daher Unternehmensberatungen, die den Unternehmen Konzepte präsentieren, wie sie die produktive Kraft mithilfe der indirekten Steuerung für sich nutzbar, d. h. profitabel machen können. In der indirekten Steuerung schaffen die UnternehmerInnen eine Umwelt, die die Beschäftigten zwingt, unternehmerisch zu handeln. Diese „Umwelt“ besteht bspw. in Belohnungen bei Erreichen bestimmter Produktionsmargen, Restrukturierungsprozessen in Unternehmen, der externen Beeinflussung durch KundInnen, dem Schaffen unternehmensinterner „Märkte“ etc. Den durch die „Umwelt“ erzeugten Druck fangen die Teammitglieder auf, indem sie unbewusst die zwischen ihnen bestehenden sozialen Beziehungen nutzen, um die Mehrbelastung unter ihnen aufzuteilen: sie treffen als Team gemeinsam Beschlüsse und garantieren mittels sozialer Kontrolle deren Einhaltung. Diese Fähigkeit der Beschäftigten, ihre sozialen Beziehungen in die Arbeit einzubringen und gemeinsam ihre Arbeit zu bearbeiten, stellt eine wichtige Voraussetzung der neuen produktiven Kraft dar. Da die Beschäftigten sich dessen aber nicht bewusst sind, können die Unternehmen die sozialen Beziehungen mit ihren Zwecken belasten, sie also zur Profitgewinnung ausnutzen. Da in der indirekten Steuerung die Beschäftigten selbst über ihre Arbeitszeit verfügen und bestimmen, was und wie sie arbeiten, gleichzeitig aber dazu angehalten sind, möglichst viel Profit zu erarbeiten, kommen sie unter Druck, sich ständig zu überarbeiten. Zusätzlicher Stress ist die Folge1Vgl. zu diesen Folgen den „Index Gute Arbeit 2015“ des DGB, wonach 52% der Beschäftigten unter Überlastung und Stress leiden. . Sie haben das Gefühl, sich und ihre Fähigkeiten in der Arbeit nicht verwirklichen zu können, dass ihre Arbeit sinnleer ist – und leiden daher oft unter Burnout2Vgl. hierzu Siemens, Stephan/Frenzel, Martina: Burnout – eine Folge der neuen Organisation der Arbeit, Bielefeld, 2012..

Oft wurde schon der Vorschlag gemacht, die neugewonnenen Freiheiten der Beschäftigten müssten zu ihrem eigenen Schutz beschränkt werden, um ihrer „Selbstausbeutung“ vorzubeugen. Solche Lösungsvorschläge unterschlagen allerdings, dass es in aller Regel nicht die Beschäftigten selbst sind, die sich dazu zwingen, Überstunden noch und nöcher zu machen und die Arbeit noch mit nach Hause nehmen, weil sie so trunken von der neugewonnenen Freiheit sind, dass sie sie nicht zu beherrschen wissen. Dass sich der Druck auf die Beschäftigten erhöht, dass sie immer mehr Überstunden machen und dass ihre sozialen Beziehungen mit dem unternehmerischen Zweck belastet werden, liegt nicht an der neuen produktiven Kraft der Beschäftigten. Sondern an der indirekten Steuerung, mit deren Hilfe sich die Unternehmen diese produktive Kraft zunutze machen. Die „Umwelt“ setzt die Teams einer „mäßigen Überlastung“ aus und so die Teammitglieder immer weiter unter Druck – alles zu dem Zweck, mehr Profit zu erwirtschaften. Das Problem sind nicht Beschäftigte, die mit ihrer neuen Freiheit nicht umgehen könnten. Das Problem sind Unternehmen, die keine andere Alternative haben, als die produktive Kraft in profitträchtige Produktion umzulenken. Die Lösung kann es daher auch nicht sein, die Autonomie der Beschäftigten zu beschränken und so einen Teil des Fortschritts und der Freiheit, die mit der neuen produktiven Kraft einhergehen, wieder zurückzunehmen. Die Lösung muss und kann nur sein, die Freiheit der Beschäftigten weiter zu entfalten, ihnen mehr Raum zu geben, ihre produktive Kraft zu entwickeln, und Wege zu finden die Unternehmen zu zwingen, es den Beschäftigten zu ermöglichen, sich ihre neuen Fähigkeiten anzueignen und bewusst zusammen zu arbeiten – um möglichst ökonomisch gesellschaftliche Bedürfnisse zu befriedigen.

Historische Perspektiven: die neue produktive Kraft bewusst entwickeln

Trotz aller Widrigkeiten bietet die neue produktive Kraft der Beschäftigten in ihrer Ambivalenz völlig neue historische Perspektiven – auch für die Sozialdemokratie. Produktivitätsfortschritte entstehen nicht (nur) durch systematische Planung, sondern entwickeln sich aus den Innovationen und Verbesserungen ihrer Fähigkeiten, die die Menschen so hervorbringen. Gleichzeitig stellen sie den Motor der geschichtlichen Entwicklung dar. Die gesellschaftlichen Zustände, in denen wir leben, beruhen auf den produktiven Fähigkeiten, mit denen wir wirtschaften. Je nachdem wir unsere produktiven Fähigkeiten entwickeln, können wir auch unsere gesellschaftlichen Zustände entwickeln. Das gilt auch für die neue produktive Kraft. Durch die neue produktive Kraft setzen sich die Menschen erstmals in ihrer Arbeit bewusst mit ihrer Arbeitsweise auseinander und bearbeiten ihre Arbeit während des Arbeitens selbst. Dabei setzen sie sich mit dem gesellschaftlichen Sinn und der Organisation ihrer Arbeit auseinander. Sie fangen an, sich Gedanken darüber zu machen, welche Arbeitsschritte sinnvoll sind, wie die Arbeit bestenfalls aufzuteilen ist und so weiter.

Die Beschäftigten übernehmen so mehr und mehr Aufgaben, die bisher der Unternehmensleitung und den ManagerInnen zugeordnet waren. Bislang hatte die Unternehmensleitung zwei Aufgaben im Produktionsprozess zu erfüllen: sie stellten die Ressourcen für die Produktion (Rohstoffe, Maschinen etc.) und übernahm die gesellschaftliche Seite der Produktion, organisierten also den Arbeitsprozess und brachten die Waren zum Markt. Durch die neue produktive Kraft übernehmen die Beschäftigten die Organisation des Produktionsablaufs mehr und mehr, und indem sie ihreArbeit auf das Kriterium der Profitabilität ausrichten müssen, sorgen sie auch dafür, dass die Produkte am Markt verkauft werden können, bearbeiten also die gesellschaftliche Seite der Produktion. Die ManagerInnen und leitenden Angestellten währenddessen nehmen innerhalb eines Unternehmens diese Aufgaben immer weniger wahr und setzen häufig bloß noch den Maßstab des Profits gegen die Beschäftigten durch; wir können daher schon heute den Abbau
von Führungskräften in vielen Unternehmen beobachten. Den Eigentümer*innen der Unternehmen hingegen bleibt es als einzige Aufgabe im Produktionsprozess überlassen, Produktionsmittel und Kapital zu besitzen und für die Produktion zur Verfügung zu stellen – und den Maßstab des Profits über ihre Renditevorstellungen zu bestimmen. Der Zwang, die Produktion profitabel zu organisieren, ist uns aber ein äußerer, den wir uns darüber einhandeln, dass es bislang Einzelne sind, die Eigentum an Unternehmen besitzen und deswegen aus ihrem eigenen Interesse den Profit als Zweck des Unternehmens bestimmen können – und im Rahmen
kapitalistischer Produktion auch müssen. Und bedenken wir – neben all den gesundheitlichen Folgen, die der Profitzwang auf die Beschäftigten ausübt – auch die Unmengen an Ressourcen, die über die Rendite in den Luxuskonsum der EigentümerInnen fließen, zahlen wir dafür einen hohen Preis. Die Funktion der Bereitstellung der Produktionsmittel, die dieUnternehmenseigentümer*innen dabei wahrnehmen, könnten schließlich auch wir als Gesellschaft oder die Beschäftigten des Unternehmens selbst erfüllen. Die Beschäftigten sind so durch die neue produktive Kraft in der Lage, sämtliche Aufgaben der gesellschaftlichen Organisation der Produktion, die bislang in der Hand der Unternehmensleitung liegen, in ihre Hand zu nehmen.

Genossenschaften oder Sozialismus

Die Vorstellung, dass die Beschäftigten selbst den Laden übernehmen und die Steuerung der Produktion im Betrieb selbst in die Hand nehmen, ähnelt stark einer schon lange von linker Seite vorgetragenen Idee: der Idee der Produktionsgenoss*innenschaften. Auch der Idee der Produktionsgenoss*innenschaften liegt die Vorstellung zugrunde, dass die Beschäftigten selbst über ihre Arbeit und die Produktion entscheiden. Die Entwicklung von Produktionsgenossenschaften baut darauf auf, dass die Beschäftigten – unter der Voraussetzung kapitalistischer Wirtschaft – nicht nur ihre bisherigen Aufgaben erfüllen, sondern darüber hinaus auch noch die Funktion wahrnehmen, die normalerweise die ManagerInnen im Unternehmen übernehmen. Das stellt das Vorhaben einer Produktionsgenoss*innenschaft – neben anderen – vor zwei gravierende Probleme. Zum einen müssen die Beschäftigten neben ihrer üblichen Arbeitszeit noch Zeit für die Übernahme der Management-Aufgaben aufwenden. Zum anderen stehen sie im ständigen Widerspruch mit sich selbst, da sie einerseits ihre individuellen Interessen im Auge haben, andererseits aus Gründen der Konkurrenz und der Vorzeichen kapitalistischer Produktion aber auch dafür Sorge zu tragen haben, dass ihre Genossenschaft Gewinne generiert. Diese Probleme sind zwar auch unter kapitalistischen Wirtschaftsbedingungen insofern lösbar, dass es durchaus Beispiele genoss*innenschaftlicher Unternehmen im Kapitalismus gibt. Aber sie sind bloß spezifisch kapitalistisch lösbar, stehen also
weiterhin unter der Voraussetzung, dass mit dem Unternehmen Profit erwirtschaftet wird. Andere gesellschaftliche Zwecke, die die Beschäftigten auch eines genoss*innenschaftlichen Unternehmens evtl. verfolgen wollen, müssen sich weiterhin dem Zweck des Profits unterordnen3Vgl. dazu Marx, MEW 25, S. 456: „Die Kooperativfabriken [d.h. Genoss*innenschaften, JD] der Arbeiter selbst sind, innerhalb der alten Form, das erste Durchbrechen der alten Form, obgleich sie natürlich überall, in ihrer wirklichen Organisation, alle Mängel des bestehenden Systems reproduzieren und reproduzieren müssen. Aber der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit ist innerhalb derselben aufgehoben, wenn auch zuerst nur in der Form, daß die Arbeiter als Assoziation ihr eigner Kapitalist sind, d.h. die Produktionsmittel zur Verwertung ihrer eignen Arbeit verwenden. Sie zeigen, wie, auf einer gewissen Entwicklungsstufe der materiellen Produktivkräfte und der ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsformen, naturgemäß aus einer Produktionsweise sich eine neue Produktionsweise entwickelt und herausbildet.“.

Durch die neue produktive Kraft entwickeln sich nun Bedingungen, die es möglich machen, die gesellschaftliche Leitung der Produktion nicht nur innerhalb eines einzelnen Betriebes, sondern tatsächlich gesamt-gesellschaftlich umzusetzen. Indem die neue produktive Kraft innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft weiterentwickelt wird, gehen mehr und mehr Funktionen faktisch in
die Hand der Beschäftigten über. Dieser Zuwachs an Funktionen und Verantwortung der Beschäftigten hat allerdings eine zwar juristische, aber sehr bedeutsame Grenze: Das Eigentum an den Produktionsmitteln.

An diesem Punkt gibt es tatsächlich die konkrete Möglichkeit, dass die Leitung des Produktionsablaufs von der Hand der Unternehmensleitungen in die Hand der Beschäftigten übergeht, und damit in die Hand der Gesellschaft. Wenn wir von diesem Punkt sprechen, dann sprechen wir allerdings nicht mehr von einzelnen, von den Beschäftigten geleiteten Betrieben im Rahmen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung; wir sprechen dann von einer anderen Wirtschaftsordnung, mit einer bewussten Organisation der gesellschaftlichen Produktion. Diese andere Wirtschaftsordnung entsteht allerdings nicht von allein. Die kapitalistische Wirtschaft fördert zwar die Entwicklung der neuen produktiven Kraft und hilft so die Voraussetzung zur eigenen Abschaffung zu entwickeln. Sie wächst förmlich über sich selbst hinaus. Die konkrete Übergabe der Leitung der Produktion von der Hand der Unternehmensleitungen in die Hand der Beschäftigten wird allerdings nicht von selbst geschehen, sondern nur auf Forderung und durch den Druck der Beschäftigten. Und auch für den Übergang dieser Wirtschaftsordnung zu einer anderen gilt, dass dies nicht von alleine geschieht, sondern nur unser Werk sein kann. Wir SozialdemokratInnen müssen es als unsere Aufgabe ansehen, daran mitzuwirken. Das heißt zum einen, dass wir hier und jetzt die Beschäftigten unterstützen müssen bei ihrem Kampf gegen zunehmenden Belastungsdruck und psychische Gesundheitsschädigungen. Das heißt zum anderen aber auch, dass wir den Kampf fortsetzen müssen für eine Gesellschaft, in der wir alle als Beschäftigte bewusst die Leitung des Produktionsprozesses ausüben.

Die Sozialdemokratie hat in den letzten Jahren viel Kredit damit verspielt, dass sie nicht mehr wahrgenommen wurde als die Partei für arbeitende Menschen. Sie wird diesen Eindruck nur wiederherstellen können, wenn sie es schafft, ein überzeugendes sozialdemokratisches Konzept für den Wandel des Arbeitens vorzulegen. Ein solches Konzept muss beides beinhalten: eine politische Handhabe für die gegenwärtigen Belastungen, die sich aus der indirekten Steuerung ergeben, und eine Perspektive, wie wir den Wandel des Arbeitens bewusst entwickeln können – hin zu einer anderen Wirtschaftsordnung.

Weiterführende Lektüre:

DGB: Index Gute Arbeit 2015
Siemens, Stephan/Frenzel, Martina: Das unternehmerische Wir, Hamburg, 2014
Bockenheimer, Eva/Losmann, Carmen/Siemens, Stephan: WORK HARD – PLAY HARD. Das Buch zum Film, Marburg, 2014.

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