Politisch, im besten Sinne unbequem und immer noch notwendig: Warum der CSD mehr als eine bunte Sommerparty ist

Die Corona-Pandemie kam für uns alle überraschend und hat unseren Alltag, aber auch unsere Planungen komplett durcheinander geworfen. Spätestens wenn es um den Urlaub geht, merken viele: Dieser Sommer wird anders sein als die Jahre davor. Auch zahlreiche Sommerevents können als Großveranstaltungen nicht stattfinden und mussten abgesagt werden. Zu ihnen gehören auch die über 70 CSDs in Deutschland, die nicht mehr nur in den großen urbanen Zentren der Republik den Regenbogen als Zeichen für Vielfalt und Akzeptanz wehen lassen. Auch in mittelgroßen Städten und im ländlichen Raum gibt immer mehr dieser „Polit-Sommerpartys“ mit buntem Kulturprogramm und Demonstration.

Dass sich die CSDs auch in der Fläche ausbreiten, mag für viele ein Zeichen von großer Akzeptanz sein. Die rechtliche Gleichstellung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen sowie trans*, inter* und anderen queeren Menschen (LSBTIQ*) sei wohl erreicht. Daher müssten diese auch nicht mehr in tolerantere Szene-Metropolen wie Köln oder Berlin ziehen. Denn LSBTIQ* werden schließlich in ganz Deutschland akzeptiert. All das könnte man zumindest glauben, wenn man den CSD nur für ein weiteres fröhliches Sommerfest hält. Auch wenn es in den zurückliegenden Jahren zahlreiche Fortschritte bei der Gleichstellung – vor allem auch durch das Mitwirken der Sozialdemokratie – gab, so besteht immer noch Handlungsbedarf. Beispiele hierfür sind etwa das Abstammungsrecht, das lesbische Ehefrauen bei der Geburt zur Stiefkindadoption nötigt, oder das sogenannte Transsexuellengesetz, das durch ein selbstbestimmtes Personenstandsrecht ohne entwürdigenden und teuren Gutachenzwang ersetzt werden muss. Außerdem gilt: Rechtliche Gleichstellung ist das eine, gesellschaftliche Akzeptanz das andere. Daher ist der CSD mehr als eine bunte Party. Der CSD ist politisch! Der CSD ist im besten Sinne unbequem! Und der CSD ist immer noch notwendig!

Stonewall was a riot!

Der Begriff CSD steht für Christopher Street Day und ist unter diesem Titel eigentlich nur in Deutschland sowie Teilen Österreichs und der Schweiz gebräuchlich. International spricht man eher von Pride (dt. Stolz), um den selbstbewussten beziehungsweise selbstachtenden und damit stolzen Umgang mit der eigenen sexuellen und/oder geschlechtlichen Identität zu beschreiben. Es geht darum, so zu sein, wie man ist, sich nicht vor anderen verstecken oder sich für andere verstellen zu wollen und gegebenenfalls für seine Rechte einzutreten. Der Ausdruck Christopher Street Day nimmt Bezug auf die gleichnamige Straße in New York, in der sich das Szenelokal Stonewall Inn befindet.

In den 1960er Jahren drohten Menschen, denen sexuelle Beziehungen mit Personen des gleichen (ihnen zugeschriebenen) Geschlechts nachgewiesen wurden, noch Haftstrafen. Ein Gesetz verlangte, dass Personen mindestens drei Kleidungsstücke tragen mussten, die dem ihnen zugeschriebenen Geschlecht entsprachen. Unter diesen Bedingungen kam es damals in New York City und anderen Städten immer wieder zu willkürlichen Razzien in queeren Lokalen, die von Polizeigewalt geprägt waren. Dabei wurde nicht nur die Identität der Besucher*innen des Lokals festgestellt, sondern diese bisweilen auch öffentlich gemacht. Neben Verhaftungen und Anklagen wegen sogenanntem anstößigen Verhalten waren körperliche Übergriffe weit verbreitet. In der Nacht zum 28. Juni 1969 fand eine solche Razzia in der Szenebar Stonewall Inn statt. Doch dieses Mal geschah etwas Neues. Erstmals ließen sich LSBTIQ* das Vorgehen der Polizei nicht gefallen und vertrieben die Polizisten gewaltsam. Die Community duckte sich nicht weg. Sie sah nicht schweigend zu, wie ihre Mitglieder abgeführt wurden. Sie leistete Widerstand. Es kam zu Straßenschlachten, die erst nach fünf Tagen endeten. Stonewall war ein Aufstand und Aufbegehren. Noch immer erinnert das geflügelte Wort „Stonewall was a Riot“ daran, dass die Geburtsstunde der modernen LSBTIQ*-Bewegung hochpolitisch, aber auch unbequem war.

Was viele nicht wissen, ist, wie eng diese Bewegung historisch mit der Anti-Rassismus-Bewegung verbunden ist, die sich in den aktuellen Black-Lives-Matter-Demonstrationen manifestiert. Das Stonewall Inn wurde nicht nur von weißen, schwulen cis* Männern besucht. Hier verkehrten zahlreiche Sexarbeiter*innen, obdachlose Jugendliche, Dragqueens und trans* Menschen sowie Schwarze, Latinx und People of Color (PoC). Gerade der hohe Anteil der letztgenannten Gruppe von Nicht-weißen Menschen ließ das Stonewall Inn und seine Besucher*innen in den Augen der rassistisch geprägten Polizei als besonders „verachtenswert“ erscheinen, was ein entsprechend gewalttätiges Vorgehen zur Folge hatte. Auch der Widerstand wurde hauptsächlich von Schwarzen, PoC und trans* Personen getragen. Eine Tatsache, die leider immer stärker sogenanntem white washing ausgesetzt ist und dadurch verdrängt wird. Daher muss es in aller Deutlichkeit gesagt werden: Es waren Dragqueens, PoC, Schwarze sowie wirtschaftlich schwache Menschen und nicht die angepasste weiße, schwule, cis* Mittelschicht, die den Beginn der modernen queeren Emanzipationsbewegungen initiierten!

Stonewall ist ein perfektes Beispiel für eine intersektionale Bewegung. Es ist in erster Linie ein Aufbegehren gegen die damals übliche Polizeigewalt. Als solches lässt sich eine Brücke zu den Erfahrung von Schwarzen Menschen und PoC – egal ob queer oder nicht – schlagen. Stonewall hat auch den Weg für die Black-Lives-Matter-Bewegung geebnet. So lässt sich nicht über Stonewall reden, ohne gleichzeitig über den Tod von George Floyd zu sprechen und umgekehrt.

Als Bewegung haben sich politische LSBTIQ* auch immer wieder mit der Arbeiter*innenbewegung solidarisiert. Das prominenteste Beispiel hierfür ist die Gruppe Lesbians and Gays Support the Miners um den Aktivisten Mark Ashton, die sich zur finanziellen und moralischen Unterstützung der Streikenden und ihrer Familien während des einjährigen Bergarbeiterstreiks von 1984/1985 gegründet hatte. Wie auch die LSBTIQ*-Community waren die streikenden Bergarbeiter Polizeiwillkür und Gewalt ausgesetzt. Als Folge dieser Solidarität unterstütze auch die Labour Party seit 1985 die Rechte von Schwulen und Lesben offiziell, unter anderem auch weil die National Union of Mineworkers geschlossen dafür gestimmt hatte.

Natürlich sind die friedliche Stimmung und der gewaltlose Protest der heutigen CSDs nicht verkehrt. Und es spricht nichts dagegen, politische Forderungen und Vielfalt zu feiern. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es bei Stonewall nicht um Regenbogenflaggen und gesponserte Partys von Wodkaherstellern geht. Es geht um (queere) Menschen, die ihre Wut und ihre Leidenschaft dafür nutzen, sozialen und gesellschaftlichen Wandel zu erzwingen.

Warum wir die zahlreichen CSDs immer noch brauchen

Fragt man Aktivist*innen, warum es nach wie vor einen CSD braucht, so bekommt man oft Zahlen und Fakten genannt, die die gegenwärtige Situation von LSBTIQ* beschreiben: Jährlich werden in Deutschland über 300 Gewalttaten gegen LSBTIQ* bei den Polizeibehörden gemeldet. Selbsthilfeverbände gehen von einer drei- bis zehnmal so hohen Dunkelziffer aus, da Straftaten nicht immer einem homo-, bi- oder trans*-feindlichen Hintergrund zugeordnet werden oder weil Opfer aus Angst von Stigmatisierungen keine Anzeigen erstatten. Das Suizidrisiko von homosexuellen Jugendlichen ist vier- bis siebenmal höher, das von trans* Menschen etwa zehnmal höher als beim Durchschnitt. Nur etwa 18 Prozent der Lehrkräfte verteidigen Lesben oder Schwule im Unterricht, über 27 Prozent lachen jedoch mit oder stimmen homofeindlichen Äußerungen zu. 63  Prozent aller LSBTIQ* sind im Beruf ungeoutet, da sie Ablehnung und Diskriminierung befürchten. Ähnlich wie Frauen im Allgemeinen verdienen LSBTIQ* im Schnitt deutlich weniger als heterosexuelle cis* Männer. Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Die Diskriminierung betrifft übrigens alle. Denn wenn Teile der Gesellschaft in ständiger Angst leben müssen, von anderen wegen ihrer Lebensweise verurteilt zu werden, ist das nicht nur sonderlich unsozial und entwürdigend. Es geht auch zu Lasten der Produktivität einer Gesellschaft. In diesem Punkt sind sich ausnahmsweise Sozialarbeitende und Bankangestellte einig!

Die Notwendigkeit von CSDs lässt sich jedoch auch ganz einfach und ohne Zahlen erklären. CSDs schaffen in der Mehrheitsgesellschaft Sichtbarkeit für LSBTIQ*, für die aufgezählten Missstände und für die daraus resultierenden Bedarfe. LSBTIQ* sind in der alltäglichen Wahrnehmung vieler Menschen schlicht nicht vorhanden. Und selbst wenn es im Bekanntenkreis den schwulen Nachbarn oder die trans* Arbeitskollegin gibt, so werden Mobbing oder Diskriminierungserfahrungen selten thematisiert. Stereotype Vorstellungen und Vorurteile sind immer noch weitverbreitet, meist sogar unbewusst. Denn wer keine LSBTIQ* wahrnimmt, greift leicht auf Klischees und Ressentiments zurück.

Um dann doch noch mal eine Zahl zu nennen: Die Minderheit der LSBTIQ* besteht in absoluten Zahlen aus gar nicht so wenigen Menschen, wie manche glauben. Laut Studien gehören zwischen 7,5 Prozent und 14,9 Prozent der Bevölkerung zur Gruppe der LSBTIQ*. Bei etwa 83 Millionen Einwohner*innen heißt das für Deutschland: Hier leben zwischen 6,142 und 12,367 Millionen LSBTIQ*. Alleine die „konservative“ Zahl von 6,142 Millionen LSBTIQ* entspricht in etwa der Bevölkerung Hessens oder der der Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringens zusammen. Natürlich ist es unerheblich, ob eine marginalisierte Gruppe aus wenigen Tausend, aus sechs Millionen oder aus zwölf Millionen Menschen besteht. Respekt, Akzeptanz und Gleichstellung dürfen nicht davon abhängen, wie viele Betroffene es gibt. Alleine aber die Überraschung über eine dermaßen hohe Gesamtzahl von LSBTIQ* in Deutschland macht deutlich, wie wenig sie im Alltag wahrgenommen werden.

2020 – ein Jahr, in dem vieles anders ist

Die aktuelle Corona-Pandemie hat weitreichende Auswirkungen für LSBTIQ*: Gruppen- und Beratungsangebote können kaum stattfinden. Safe Spaces, wie soziokulturelle Zentren oder Gastronomie, sind geschlossen. Es droht ein nie dagewesener Kahlschlag der queeren Infrastruktur, der unbedingt verhindert werden muss. Die entsprechenden Strukturen sind kein Selbstzweck, sondern ein solidarisches Netzwerk, das über Jahrzehnte gewachsen ist und LSBTIQ* Schutz und Unterstützung gewährt.

Unter dem Motto „Mehr Community wagen“ hat die SPDqueer ausgearbeitet, welche Themen zu Zeiten von Corona in den Fokus gerückt werden müssen. Dazu gehören beispielsweise die Sicherung von Unterstützungsnetzwerken, Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen. Gerade LSBTIQ*-Personen sind oft von Einsamkeit, Gewalt sowie sozialen und psychologischen Krisen betroffen. Sogenannte Safe Spaces sind Orte, an denen sich LSBTIQ* Personen sicher vor Gewalt und Diskriminierung bewegen und frei entfalten können. Zu ihnen gehören nicht nur Versammlungs- und Beratungsräume in queeren Vereinen, sondern auch Clubs, Bars, Kinos und Saunen. Die Corona-bedingten Schließungen bringen diese in Existenznot und ihr Verschwinden ist oft endgültig, da hier Gentrifizierung und die Verdrängung durch Investor*innen ihr Übriges tun. Ein weiteres von vielen Beispielen ist die Unterstützung queerer Medien, die über Themen berichten, lange bevor traditionelle Medien sie – wenn überhaupt – aufgreifen. Auch Gruppen wie Sexarbeiter*innen dürfen nicht vergessen werden. Die aktuellen Einschränkungen kommen für sie einem Arbeitsverbot gleich. Das trifft besonders marginalisierte Personen und Menschen in prekären Lebenssituationen. Einige müssen trotz der starken Gefährdung ihrer selbst und anderer weiterarbeiten, da die wirtschaftliche Not sie dazu zwingt. Diese Personen fallen durch alle Hilfsprogramme für Selbstständige und haben keinen Anspruch auf Grundsicherung, wenn sie beispielsweise keinen gesicherten Aufenthaltsstatus besitzen oder nicht angemeldet sind.

Die genannten Themen sind nur Beispiele aus dem Themenpapier der SPDqueer. Aber sie zeigen auf, wie fragil LSBTQ*-Szenestrukturen und die Bedingungen für LSBTIQ* sind. Die CSDs wären prädestiniert, auch dafür Sichtbarkeit zu schaffen. Aber sie können, wie anfangs erwähnt, nicht stattfinden. Was entfällt, ist also mehr als eine feuchtfröhliche Sommerparty. Der CSD ist eine wichtige politische Institution, die gebraucht wird, um einen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben.

Aber auch in der Pandemie gibt es zahlreiche Möglichkeiten, aktiv zu werden. In NRW machen etwa Genoss*innen an den planten CSD-Tagen auf den entsprechenden Plätzen mit einer Plakataktion auf das Fehlen der Veranstaltung aufmerksam. Andere nutzen die Regenbogenflagge, die sie aus dem Fenster hängen. Auch Postings und Sharepics in den sozialen Medien und nicht zuletzt das Aufgreifen von queeren Belangen in Gesprächen im Freund*innen- und Bekanntenkreis sind Beispiele, wie man aktiv werden kann.

Egal ob queer, oder nicht – jeder Mensch, der für Vielfalt, für ein selbstbestimmtes Leben und für eine offene, solidarische Gesellschaft einsteht, die auf Zusammenhalt und nicht auf Ausgrenzung setzt, der lebt auch ein Stück CSD! Jeder Mensch, der sich gegen Rassismus und andere gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit engagiert, der lebt auch ein Stück CSD!

Auch wenn zahlreiche Plätze, an denen diesen Sommer CSD stattfinden sollten, leer bleiben – unsere Herzen bleiben es nicht! Happy Pride!

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