Unser Wald: Ein Klimaschützer wird vom Klima bedroht

Der Zustand der Wälder in Deutschland ist nach Ansicht von Wissenschaftler*innen dramatisch. Manche sprechen sogar von einem „historischen Ausmaß” der Waldschaden-Situation. Auslöser hierfür sind Stürme, die Massenvermehrung von laub- und nadelfressenden Insekten sowie die heißen und niederschlagsarmen Jahre 2018 bis 2020. Diese für Wälder gefährliche Kombination gab es bisher in diesem Ausmaß nicht.

Ein Drittel der Landesfläche in Deutschland – rund 11,4 Mio. Hektar – ist bewaldet. Die häufigsten Baumarten sind dabei die Nadelbäume, angeführt von der Fichte mit 25 Prozent und der Kiefer mit 22 Prozent des Gesamtbestandes.

Darauf folgen die Laubbäume, allen voran die Buche mit 15 Prozent und die Eiche mit zehn Prozent. Von den 11,4 Mio. Hektar Wald in Deutschland sind 48 Prozent Privatwald. 29 Prozent des Waldes sind im Eigentum der Länder, 19 Prozent im Eigentum von Körperschaften und vier Prozent sind Eigentum des Bundes.

Eine Bestandsaufnahme sieht nicht gut aus

Der Zustand der deutschen Wälder wird zum einen durch die seit 1984 jährlich stattfinde bundesweite Waldzustandserhebung von den Ländern überprüft. Darüber hinaus gibt es die sogenannte Bundeswaldinventur, die alle zehn Jahre stattfindet.

Sie erfasst die großräumigen Waldverhältnisse anhand verschiedener Parameter und bewertet den Zustand der Wälder. Daraus ableitend sollen Fragen zur Waldbewirtschaftung, der Veränderung der Baumartenanteile und der Holznutzung, aber auch zum Totholz und zu weiteren ökologischen Fragestellungen beantwortet werden.

Wer ist der größte Klimaschützer?

Der Wald ist der größte Klimaschützer in unserem Land: Bäume sind Holzproduzenten mit Sonnenantrieb und die deutschen Wälder gehören mit 358 Kubikmetern Holz pro Hektar zu den vorratsreichsten in Europa.

In lebenden Bäumen und im Totholz sind derzeit rund 1,26 Milliarden Tonnen Kohlenstoff gebunden – das ist eine Größenordnung von 14 Prozent der gesamten deutschen Treibhausgasemissionen. Allerdings könnten die derzeitigen Waldschäden die Verhältnisse verändern und dazu führen, dass zum Beispiel die gebundenen Kohlenstoffe freiwerden.

Um diesen kritischen Zustand weiß auch Isabell Mackensen, Mitglied des Deutschen Bundestages. Sie ist waldpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. Sie macht deutlich: “Dem Wald geht es schlecht.” So würden sich Auswirkungen, wie beispielsweise die heißen und trockenen Sommer der letzten Jahre, in Wäldern eigentlich verzögert zeigen, doch gerade die Fichten als Flachwurzler bekommen diese trockenen und wasserarmen Perioden bereits jetzt zu spüren.

Schädlinge, allen voran der Borkenkäfer, konnten bereits große Schäden anrichten. Der aktuelle Schadbestand an Bäumen in Deutschland, die kaputt sind, beläuft sich auf 85.000 Hektar – eine Fläche so groß wie das Saarland.

Isabell Mackensen sieht vor allem eine wichtige Aufgabe bei der Unterstützung der kommunalen Waldbesitzer*innen, um einen nachhaltigen und klimaresilienten Waldumbau zu erreichen. Die Natur ist nicht in der Lage “sich in angemessener Zeit selbst zu heilen”. Wir Menschen müssen dabei aktiv unterstützen.

Was wir brauchen

Im Sinne einer nachhaltigen Aufforstung und Genesung unserer Wälder brauchen wir deshalb:

  • Biodiversität in den Wäldern: Für die Anpassung an den Klimawandel sind gemischte Wälder unerlässlich. Deshalb brauchen wir eine große Anzahl an klimaangepassten Baumarten. Die Forschung zu geeigneten, klimaresilienten Baumarten und zur Forstpflanzenzüchtung muss intensiviert werden. Denn gerade junge Bäume sind bessere CO2-Speicher. Erreichen Wälder ein bestimmtes Alter, sinkt ihre CO2-Aufnahme. Daher brauchen wir vor allem eine junge Aufforstung. Bei der Frage zum Umgang mit Schadholz braucht es einen bestimmten Anteil an Wäldern, der ungestört seiner natürlichen Entwicklung überlassen wird. Das bedeutet in einzelnen Fällen auch, geschädigte Bestände nicht zwingend zu räumen. Gleichzeitig muss geschaut werden, dass gerade in Fichtenwälder nicht ausschließlich dieser Bestand wieder nachwächst und damit eine Baumart, die besonders anfällig für Hitze, Dürre und Schädlinge ist. Teil eines nachhaltigen Holzlogistikkonzeptes muss es also sein, einheitliche Regeln für den Kalamitätsfall und den Holztransport auf der Straße, der Schiene und auf Wasser zu regeln und Gebiete zu benennen, die sich selbst überlassen werden.
  • Klimafreundliche Alternative – Holzbauoffensive: Zur dauerhaften Bindung von Kohlenstoff muss eine verstärkte Holzverwendung erreichet werden, um einen Klimaschutzbeitrag zu leisten. Denkbare wäre eine Holzbauoffensive für Deutschland, die mithilfe eines bundesweites Holz-Aufkaufprogramm anvisiert werden könnte. Bauen mit Holz bedeutet klimabewusst zu bauen und das im Holz gespeicherte Kohlenstoff der Atmosphäre länger zu entziehen. Zudem würde so zum einen der Holzmarkt von Schadholz entlastet und gleichzeitig die holzverarbeitende Industrie in die Pflicht genommen werden. Gerade im Bereich des Wohnraums bietet Holz eine nachhaltige Alternative im Vergleich zu anderen klimaschädlicheren Baustoffen, wie Beton. Durch das geringe Eigengewicht könnten beispielsweise schnell neuer Wohnraum, durch Aufstockung und Erweiterung geschaffen werden und die regionalen Wirtschaftskreisläufe gestärkt werden.
  • Stärkung der Forstwirtschaft in Gesellschaft und Politik: Wir brauchen die Stärkung der kommunalen Waldbesitzer*innen durch gezielte Vernetzungsmöglichkeiten und damit zusammenhängend die personelle Verbesserung in jeder Form der Forstverwaltung. Wald sollte kein Privatbesitz sein. Daher muss die Gesellschaft als Kommune stärker in die Verantwortung genommen werden, denn der Wald ist für viele ein essenzieller Teil des Lebens. Wald ist Erholungsraum, Arbeitsplatz, Sportstätte, Rohstofflieferant, Sauerstoffproduzent, Wasseraufbereiter und vieles mehr. Daher brauchen wir nicht nur eine größere Beachtung der aktuellen Herausforderungen, sondern auch eine Einstellungs-, Ausbildungs- und Fortbildungs-Offensive für Forstpersonal. Dafür sind die erforderlichen finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen zu schaffen.
  • Prävention vor Waldbränden: Deutschlandweit kam es in den Jahren 2018 und 2019 zu insgesamt 1.523 Waldbränden, bei denen 2.711 Hektar Wald zerstört wurden. Untersuchungen sagen für die kommenden Jahrzehnte in Folge erhöhter Temperaturen und rückläufiger Niederschläge ein weiter steigendes Waldbrandrisiko für Deutschland voraus. Auch daher brauchen wir dringend die Pflanzung von Mischwäldern, die ein höheren Innenklima besitzen als beispielsweise reine Nadelwälder. Ebenso bedarf es mehr Feuerschutzstreifen sowie ausreichend und flächendeckend verfügbaren Wasserstellen, die für Feuerwehren im Notfall gut erreichbar sind. Hierfür müssen in von Waldbränden stärker betroffenen Regionen eine bessere Ausstattung der Feuerwehren gewährleistet und Notfallpläne erarbeitet werden.
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