Was Corona mit uns macht

Die Corona-Pandemie ist eine Herausforderung, wie wir sie in unserer Generation noch nie erlebt haben. Wir halten uns alle ständig auf dem Laufenden, wühlen uns durch den Informationswust, lauschen den Podcasts von Wissenschaftler*innen und versuchen miteinander solidarisch zu sein. Schnell war klar: Es kommt darauf an, die Ausbreitungskurve möglichst flach zu halten, damit unser Gesundheitssystem nicht überfordert wird. Das effektivste Mittel? Zu Hause bleiben, Abstand halten, den unmittelbaren Kontakt zu anderen Menschen auf ein Minimum beschränken. „Nie war es leichter, Held*in des Alltags zu sein“, liest man jetzt oft. In US-amerikanischen Memes sogar: „Unsere Großeltern mussten in den Zweiten Weltkrieg ziehen, um die Welt zu retten. Wir müssen dafür nur zu Hause auf dem Sofa bleiben.“

Auf den ersten Blick mochte das für viele entspannt erscheinen. Kein Geld mehr in überteuerten Bars ausgeben müssen, endlich Zeit für die Buddenbrooks oder wenigstens für Tiger King auf Netflix, im Idealfall Homeoffice mit Onlineyogakurs in der Mittagspause, die lang ersehnte Entschleunigung. Für alle, deren Alltag gerade so aussieht und die sich dabei keine großen Sorgen machen müssen, freut mich das. Diese Corona-Pause hängt aber von einigen Faktoren ab, über die sich manch eine*r kaum Gedanken zu machen scheint: Wer zu zweit in der Dreizimmerwohnung sitzt, mit Flatscreen, Laptop und schnellem Internet, mit Lieferservice von Restaurants und Supermärkten, wer Homeoffice machen kann, mit lieben Mitbewohner*innen oder dem*der Partner*in abends gemütlich auf dem Balkon ein Glas Wein trinken kann, für den*die ist das gerade vielleicht noch ganz nett. Für alle anderen bergen Ausgangsbeschränkungen konkrete Konflikte und Gefahren.

Wenn Einsamkeit krank macht

Jede fünfte Person in Deutschland lebt alleine. Gerade für junge Menschen ist die erste eigene Wohnung ein Meilenstein, symbolisiert sie doch, dass man für sich selbst und einen Haushalt Verantwortung übernehmen kann. Normalerweise ist es sicherlich auch angenehm, nach der Arbeit nach Hause zu kommen und nur den eigenen Müll wegbringen, sich mit niemandem über Putz- oder Einkaufspläne streiten oder die laute Musik der Mitbewohner*innen hören zu müssen. Im Lockdown können die Freiheiten des Alleinsein aber ganz schnell in Einsamkeit umschlagen. Die zehrt früher oder später auch an der stabilsten Psyche. Eine besondere Belastung ist die Situation für Menschen mit psychischen Vorerkrankungen. Viele von ihnen sind existenziell darauf angewiesen, Kontakt zu anderen zu haben. Für die meisten unter ihnen ist die Phase der Pandemie der absolute Horror. Gerade für suizidale Menschen und Personen mit schwersymptomatischen Essstörungen kann die aktuelle Situation ernsthafte Lebensgefahr bedeuten. Soziale Frühwarnsystem, beispielsweise aufmerksame Freund*innen, Familienangehörige oder Kolleg*innen, fallen gleichzeitig aus.

Es kommt jetzt darauf an, dass Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen ihre Arbeit telefonisch oder digital weiterführen. Ebenso wie die Notrufnummern für Betroffene von häuslicher Gewalt müssen die Anlaufstellen für Menschen in akuten psychischen Krisen möglichst weit und barrierefrei zugänglich verbreitet werden. Für Betroffene von Depressionen, Angsterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen, Psychosen und vielen anderen Erkrankungen ist es unerlässlich, dass ihre Medikamentenversorgung sichergestellt ist – auch wenn sie in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Langfristig brauchen wir eine bessere therapeutische Versorgung – ohne monatelange Wartezeiten – und vor allem mehr Fachpersonal. Dafür muss die therapeutische Ausbildung für mehr Menschen zugänglich werden. Jetzt gerade lässt sich das aber nicht umsetzen. Stattdessen müssen wir alle gemeinsam versuchen, die Situation so erträglich wie möglich zu gestalten. Wir alle sind in der Pflicht, noch mehr als sonst auf einander zu achten. Videocalls sind kein Ersatz für menschliche Nähe, können aber durchaus ein bisschen gegen die Einsamkeit helfen. Ruft also – wenn ihr selbst die emotionalen Kapazitäten dafür habt – eure Mitmenschen an, schreibt ihnen, fragt sie, ob es ihnen gut geht. Solidarität mit den Schwächsten der Gesellschaft bezieht sich auf alle, die unter der Corona-Krise besonders leiden.

Gesundheitliche Gefahren lauern auch zu Hause

Kontaktbeschränkungen sind im Falle einer Pandemie ohne Frage sinnvoll. Menschen in Risikogruppen sollen schließlich so wenig wie möglich gefährdet werden. An eine Gruppe, die ebenfalls Gefahr läuft, ernsthafte gesundheitliche Probleme zu bekommen, wird dabei zu selten gedacht: Betroffene von häuslicher Gewalt. Mit dem Druck in den Familien oder in Partnerschaften steigt auch das Potenzial für physische und psychische Übergriffe. Besonders betroffen sind die, die ihrem Gegenüber körperlich unterlegen sind, zum Beispiel viele Frauen in hetero Beziehungen oder Kinder. Anlaufstellen für Betroffene waren schon vor Corona völlig überlastet. Es gibt zu wenig Betreuungsplätze für akute Fälle, und die Zahl dieser Fälle wird sich in den kommenden Wochen mit Sicherheit noch erhöhen. Kurzfristige Hilfe ist schwierig, denn die Opfer können ja kaum woanders hin. Es gibt aber Möglichkeiten, um wenigstens für Aufklärung zu sorgen. So können beispielsweise Supermärkte relativ schnell und unkompliziert Beratungsstellen und Notrufnummern auf ihre Kassenbons drucken. Soziale Netzwerke können Aufklärung und Anlaufstellen verstärkt über die Feeds der Nutzenden laufen lassen. Und in Apotheken kann man durch das Aussprechen des Codewortes „Maske 19“ unauffällig um Hilfe bitten. Mittelfristig braucht es allerdings vor allem mehr Plätze in Schutzhäusern. Wir möchten aber nicht nur Symptome bekämpfen, sondern langfristig gegen die Ursachen des Problems kämpfen. Dafür muss das Ziel gelten: weg mit der Unterdrückung Schwächerer, weg mit dem Patriarchat.

Homeoffice ist kein Allheilmittel

Besonders in den Städten wird der Wohnraum knapp und dementsprechend immer teurer. Für viele Familien bedeutet das Zusammenleben auf engstem Raum. Vierköpfige Familien in Zwei- oder Dreizimmerwohnungen sind keine Seltenheit. Wenn alle Familienmitglieder 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche aufeinandersitzen, die Kinder kaum raus können und wenig Kontakt zu ihren Freund*innen haben, während die Eltern parallel zur Erziehungsarbeit noch von zu Hause arbeiten sollen, dann wird das ziemlich schnell ziemlich anstrengend – für alle, auch wenn das Familienleben harmonisch und gewaltfrei ist. Noch immer sitzen zu viele Arbeitgebende dem Glauben auf, Kinder und Homeoffice wären ganz leicht zu vereinbaren. Ihre Erwartungen an die Produktivität ist hoch und viele setzen sich auch selbst massiv unter Druck, die Doppelbelastung bewältigen zu können. Wir brauchen einerseits mehr Aufmerksamkeit dafür, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf jetzt nicht wundersamerweise kein Problem mehr darstellt. Andererseits müssen Arbeitgeber*innen und im besten Falle auch Kolleg*innen Rücksicht darauf nehmen, dass sich Kinder nicht minutiös nach dem Terminkalender richten. Und mittelfristig gilt sowieso: Familien brauchen genug Platz in ihren Wohnungen, und Rückzugsräume dürfen kein Luxus sein.

Außerhalb von Städten ist der Wohnraum oft bezahlbar und der Platz lässt ein bisschen Abstand zu. Leider bringt das schönste Büro in den eigenen vier Wänden wenig, wenn das Internet langsamer ist als die Schnecken im Garten. Um Arbeit digital denken zu können, braucht es auch in strukturschwachen Gebieten Glasfaser bis in jedes Haus. Und auch Menschen in Niederbayern und auf den ostfriesischen Inseln schauen nach der Arbeit gerne mal Netflix oder Disney Plus.

Isolation ist gerade das Gebot der Stunde. Solidarität mit älteren und vorerkrankten Menschen hat oberste Priorität. Und dennoch: Lasst uns auch an die Menschen denken, die unter den Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen besonders leiden. Und lasst uns alle unser Möglichstes tun, damit wir alle so heil wie möglich durch diese Krise kommen. Wir Jusos bereiten uns gründlich auf die Diskussionen vor, die die Corona-Krise uns abverlangen wird.

 

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