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Klimafreundliche Mobilität ganz ohne Verzicht? So kann es funktionieren – Almut Großmann & Ferike Thom

- Posted by Author: BBIngo in Category: | 7 min read

Mobilität ist Lebensqualität. Morgens zur Arbeit oder Ausbildung, zum Treffen mit Freund*innen nach Feierabend, zum Familienbesuch, zum Sport, zur Party, in den Urlaub, für den kleinen Ausflug am Wochenende, aber auch zum Besuch bei Ärzt*innen oder zum Gang auf das Amt. Für notwendige Wege genau wie für die Strecken in der freien Zeit wollen und müssen wir mobil sein. Deshalb muss Mobilität für alle garantiert sein.

Die Klimakrise bedroht unserer Lebensgrundlage akut. So wie wir heute unterwegs sind, werden wir die Klimakrise nicht aufhalten können und Kipppunkte mit unabsehbaren Folgen überschreiten. Der Verkehrssektor war im Jahr 2019 für 21,4 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich.

Für uns ist klar: Wir müssen die 1,5-Grad-Grenze des Pariser Klimaabkommens einhalten. Dafür muss bis 2050 eine Netto-Null an CO2-Emissionen in Deutschland und der EU erreicht werden.

Ab auf die Schiene!

Für diesen Klimaschutz muss sich der Verkehrssektor grundlegend verändern. Der aktuelle Verkehrsmix aus Flugzeug, Auto, Schiff, Bahn und Fahrrad muss sich vollkommen verschieben. In einer klimaneutralen Zukunft muss unsere Mobilität in erster Linie auf der Schiene passieren – egal ob im Fern- und Güterverkehr, auf der kurzen Strecke von einem Dorf zum nächsten oder in der Stadt. Die U-Bahn, S-Bahn oder Tram, der Regio und der ICE müssen unsere Hauptverkehrsmittel werden.

Das gilt auch für Waren: Hier muss der Schwerpunkt auf dem Güterzug liegen. In der Stadt und auf den kurzen Wegen ergänzen  außerdem das Rad oder Elektro- und Wasserstoffbusse den Schienenverkehr. Der Verbrennungsmotor mit fossilen Brennstoffen muss ein Auslaufmodell sein und durch Elektroantrieb für PKW oder Wasserstoff und alternative Kraftstoffe für LKW ersetzt werden.

Diese konkrete Festlegung auf Technologien ist notwendig, um einen schnellen Umstieg zu garantieren. Einer völligen Technologieoffenheit, die durch Unsicherheiten und fehlende politische Ziele die Verkehrswende verzögert, erteilen wir eine Absage. In der Forschung jedoch wollen wir die Technologieoffenheit nicht einschränken; sobald effektivere Antriebe vorhanden sind, kann auch ein politischer Prioritätenwechsel erfolgen.

Niemanden vergessen beim ÖPNV der Zukunft

Wir wollen garantieren, dass alle schnell, günstig, sicher und ökologisch von einem Ort zum anderen kommen. Dafür muss zuallererst der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) massiv ausgebaut werden. In erster Linie steht dabei der Ausbau des Schienennetzes und die Reaktivierung alter Strecken im Vordergrund, aber auch die Taktung muss deutlich erhöht werden. Auch Buslinien müssen neu eingerichtet und bestehende verlängert werden.

Die nächste Haltestelle muss direkt um die Ecke sein. Es sollten möglichst wenig Umstiege nötig sein. Wenn doch mal ein Umstieg ansteht, müssen Anschlüsse schnell und einfach klappen.

Verkehrswende feministisch denken

Wir brauchen dringend eine feministische Perspektive bei der Planung von ÖPNV-Netzen. Frauen* legen statistisch gesehen öfter kürzere Strecken zurück, bewegen sich um den Wohnort herum, statt in das Stadtzentrum zu pendeln und reisen häufiger mit Gepäck wie Kinderwagen oder Einkäufen. Das muss in der Stadtplanung mitgedacht werden. Deswegen ist die Dichte von Haltestellen und Verkehrsknotenpunkte mit guten Umsteigemöglichkeiten gerade für Frauen zentral.

Gleichzeitig sind für Frauen* insbesondere dunkle, einsame und schlecht einsehbare Haltestellen und längere Strecken bis zur Haustür gerade nachts ein Sicherheitsrisiko. Hier müssen also nicht nur neue Haltestellen geschaffen, sondern auch bestehende umgestaltet oder verlegt werden.

Der ÖPNV soll auch für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen und Behinderungen die beste Option sein. Auch sie sollen nicht länger auf einen privaten PKW angewiesen sein. Dafür braucht es barrierefreie Zugänge zu allen Haltestellen und Verkehrsmitteln. Auch muss die Orientierung an den Haltestellen und Bahnhöfen, in den Verkehrsmitteln und im Verkehrsnetz insgesamt einfach sein.

Wir wollen den ticketlosen ÖPNV

Wie gut jemand angebunden ist, darf nicht vom Geldbeutel abhängen. Gerade in Städten müssen Menschen mit niedrigem Einkommen oft an den Rand ziehen. Hier ist der ÖPNV oft weniger gut ausgebaut und gleichzeitig ist ein privater PKW bei niedrigem Einkommen auch nicht drin. Wir aber wollen Mobilität für alle schaffen!

Dafür braucht es neben der guten Verbindung auch ein bezahlbares System. Deswegen wollen wir den ticketfreien ÖPNV. Egal wohin man will: einsteigen und losfahren. Das ist das Ziel. Damit Fahren ohne Fahrschein möglich ist, muss der ÖPNV anderweitig finanziert werden.

Warum wir alle davon profitieren

Wir wollen den öffentlichen Verkehr daher durch die Gemeinschaft finanzieren. Denn die gesamte Gemeinschaft profitiert von einem guten öffentlichen Nahverkehr, nicht nur die Nutzer*innen selbst: Arbeitgeber*innen, denn ihre Angestellten erreichen ihren Arbeitsplatz schnell und zuverlässig. Ladenbesitzer*innen, denn sie sind für ihre Kund*innen gut erreichbar. Grundstücksbesitzer*innen, denn durch die gute Anbindung sind ihre Grundstücke mehr wert. Wir alle, denn durch weniger Autos gibt es weniger Lärm, weniger Feinstaubbelastung, mehr Platz und das hilft unserer Gesundheit.

Deswegen fordern wir Jusos eine sogenannte Umlagefinanzierung, also die Finanzierung des ÖPNV über Beiträge. Diese können gemäß des Solidarprinzips gestaffelt nach dem Einkommen erhoben werden – ähnlich wie Krankenkassenbeiträge. Dabei könnten einzelne Gruppen wie Geringverdiener*innen und Kinder und Jugendliche von den Beiträgen befreit sein. In der Stadt, in der eine Person gemeldet ist, wird sie so an der Finanzierung dieser öffentlichen Leistung beteiligt.

Der Umstieg vom Auto auf den ÖPNV sollte auch durch die Tatsache, dass Menschen eine bereits bezahlte Leistung im Anschluss auch tatsächlich nutzen möchten, attraktiver werden. Das ist einer der Vorteile der Umlagefinanzierung gegenüber einem steuerfinanzierten Modell. Auch Besucher*innen und Tourist*innen der Kommune können über eine Pauschale pro Übernachtung an den Kosten und dem ticketfrei nutzbaren ÖPNV beteiligt werden.

Verkehrswende ohne Verzicht

Mit diesen Maßnahmen kann auch die autofreie Innenstadt Realität werden. Mit einem funktionierenden ÖPNV wird niemand aus der Innenstadt ausgeschlossen oder in der individuellen Mobilität eingeschränkt. Im Gegenteil: Die Sicherheit von Fußgänger*innen und Fahrradfahrer*innen erhöht sich und der freiwerdende öffentliche Raum kann zugunsten von uns allen neu genutzt werden.

Platz, der aktuell von Autos besetzt wird – vom kleinen Seitenstreifen bis zum großen Parkplatz –  könnte mit Tischen, Bänken, Tischtennisplatten, Grünstreifen, Eiscafés, Restaurants oder Spielplätzen besetzt werden.

Unsere Vision der Mobilität von morgen ist kein Verzicht zugunsten des Klimas. Wir wollen Mobilität schaffen, die besser ist als das, was wir heute haben. Wir wollen eine Mobilitätswende, die unser aller Leben in Stadt und Land verbessert!

Herausforderungen in Stadt und Land

Natürlich gehört zur ganzen Wahrheit auch, dass Mobilität im ländlichen Raum vor ganz andere Herausforderungen steht. Neben den Forderungen für den Ausbau des ÖPNV und bessere Regio- oder S-Bahn-Anbindungen müssen wir hier vor allem über E-Autos und Sharing-Modelle reden. Der Verbrennungsmotor mit fossilem Antrieb wird anderen Antriebsformen wie dem E-Auto oder alternativen Kraftstoffen weichen müssen.

Die notwendige Infrastruktur muss natürlich von Seiten der Kommune zur Verfügung gestellt werden. Damit alle Kommunen den Aufbau dieser Infrastruktur leisten können, muss der Bund dabei ordentlich unterstützen. In öffentlicher Ladeinfrastruktur soll grüner Strom fließen. Eine Ladesäule muss zur Standardausrüstung einer Wohnung oder eines Hauses gehören wie fließendes Wasser oder eine Heizung.

Sharing is Caring

Aber der alleinige Umstieg auf E-Autos reicht uns nicht. Wir wollen das einzelne Auto auch besser auslasten, indem möglichst viele Menschen sich ein Auto teilen: für gemeinsame Fahrten auf der gleichen Strecke als Fahrgemeinschaft genauso wie durch Sharing-Angebote für einzelne Fahrten.

Wir erkennen an, dass die Verfügbarkeit eines (Share-)Autos in manchen Fällen eine wichtige Ergänzung zum ÖPNV darstellen kann. Gerade bei Menschen, die Schichtdienst arbeiten, die eine Gehbehinderung haben oder wenn man etwas Schweres zu transportieren hat. Auch in diesen Fällen möchten wir Mobilität nicht dem Markt überlassen.

Um eine gutes Angebot im gesamten Gebiet von Share-Autos zu schaffen, muss auch hier die öffentliche Hand aktiv werden. Um die Nutzung zu erleichtern und den Umstieg von Privat- auf Share-PKW attraktiver zu machen, sollen Share-Angebote im Verbund mit dem ÖPNV buchbar sein.

Die Mobilität der Zukunft startet jetzt!

Wir brauchen also dringend eine Mobilitätswende, die zum Einen die Klimaneutralität im Verkehrssektor einläutet und zum Anderen Mobilität für alle garantiert. Für uns ist diese radikale Verkehrswende keine Utopie! Sie ist unser konkretes politisches Ziel für eine Zukunft, die jetzt beginnt.

  • Almut Grossmann

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